Welt : Mann kann ja so viel falsch machen

Aber es gibt Hoffnung für den Herrn: Die Macher der Modemesse Pitti Uomo wissen, worauf es ankommt

Grit Thönnissen[Florenz]

Bella Figura ist in Italien eine ernste Sache. Ob beim Telefonieren, in der Warteschlange oder im Gespräch mit Geschäftspartnern – italienische Männer sind fast immer damit beschäftigt, eine gute Figur zu machen. In Florenz scheint geradezu ein Wettbewerb in dieser Disziplin stattzufinden. Dort beginnt traditionell die Modesaison mit der weltweit größten Herrenmodemesse Pitti Uomo, auf der mehr als 900 Marken vier Tage lang zeigen, was Männer drunter, drüber und dran tragen können. Nirgendwo sonst findet man eine solche Dichte an gut angezogenen Männern. Die Messe ist international, viele der etwa 30 000 Besucher kommen aus Deutschland, Japan und Großbritannien, aber die meisten sind Italiener.

Heutzutage braucht ein Mann keinen Anzug mehr, um als gut angezogen zu gelten. Rote, grüne und gelbe Jeans, bedruckte T-Shirts allenthalben lassen vermuten, dass auch Männer heute machen können, was sie wollen. „So einfach ist das natürlich nicht“, stellt Fred M. Götz fest. Er ist Designer der deutschen Marke Drykorn und findet, dass Männer genaue Anweisungen brauchen, wenn sie versuchen, sich modisch zu kleiden. Deshalb hat er sich vor der Messe einen Schnauzbart wachsen lassen und seine Cowboystiefel mitgebracht: „Ich führe vor, wie der Stil der siebziger und achtziger Jahre aussieht.“ Für den nächsten Sommer hat er Stoffhosen entworfen, schön hoch geschnitten mit geradem Bein: „Das sieht dann aus wie Magnum. Toll!“

Götz weiß, was deutsche Männer davon abhält, Bella Figura zu machen: die Angst, es könnte unbequem sein. „Deshalb neigen deutsche Männer dazu, sich ihre Sakkos zu groß zu kaufen. Aber dann zupfen sie ständig daran herum.“ Seit Jahren versucht er seinen Kunden zu erklären, dass enger besser ist, weil man die Jacke spürt, die richtig am Körper sitzt. Außerdem verändert das die Haltung.

Die Hersteller sind sich ziemlich einig, wie das moderne Jackett aussehen sollte: schmal und relativ kurz, tiefes Revers, Schulterpolster, die nur ein wenig formen. Daneben sehen die Doppelreiher für den nächsten Sommer, für Freizeitkapitäne weiß-blau gestreift oder in marineblau mit Goldknöpfen, ganz schön breit aus. Und es wird bunt. Beim Edelschneider Kiton leuchten die auf Taille geschnittenen Jacketts in Orange, Blau und Pink. Aber wie Fred M. Götz betont: „Du kannst machen, was du willst. Du musst nur wissen, warum – und gut aussehen.“

Das gilt immer mehr auch für Accessoires wie die Krawatte. Eigentlich versucht sich die Männerwelt gerade von ihr zu befreien. Als Zeichen der Freiheit lässt man dann die obersten Hemdknöpfe offen – Jogi Löw ist ein prominentes Beispiel. Auch auf der Pitti wird die Krawatte nur noch von den Vertretern der konservativen Marken getragen. Oder von denjenigen, die sie sich freiwillig als hochmodisches Stilelement umbinden. „Es gibt keinen Bedarf mehr an Krawatten, deshalb mache ich sie besonders gern.“ Fred M. Götz ist sich seiner Vorbildrolle bewusst, er trägt eine goldfarbene zusammengerollt in der Reverstasche seines Jacketts.

Die besten Umsätze machen Männermarken übrigens mit Damenmode. Von Brioni über Kiton bis hin zu Hugo Boss bieten viele klassische Herrenausstatter inzwischen Kollektionen für Frauen an. Die kaufen mehr, öfter, teurer. Um Männermode zu verkaufen, gibt es verschiedene Strategien. Eine der beliebtesten ist die Ablenkung: Firmen heißen wie Schweizer Taschenmesser „Victorinox“, wie Sportarten „Cycle“, oder wie Berufe „Reporter“.

Die traditionellen italienischen Firmen dagegen tragen am liebsten stolz ihren Familiennamen. Zum Beispiel Canali: Die Schneiderei mit 1600 Mitarbeitern wurde vor 75 Jahren von drei Brüdern gegründet und wird jetzt von deren elf Kindern geführt. „Alles ‚Made in Italy’“, sagt Frank Ursath stolz, der sich um den deutschen Markt kümmert. Den deutschen Männern falle es schwer, sich an einfache Regeln zu halten: „Ein gut sitzender Anzug soll einen Mann schöner machen, rudern muss er darin nicht können.“ Auch warum bei deutschen Männern die Hosen oft zu weit und zu lang sind, weiß Ursath. Sie sollen die Schuhe verdecken. „Der Deutsche kauft sich einen Mercedes und hat dann nur noch Geld für Schuhe von Deichmann. Der Italiener fährt Fiat und trägt dafür feine Schuhe.“

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