Welt : Mao-Jünger als Sklavenhalter

Bizarre Auflösung des Rätsels: Die Befreiten in London waren Mitglieder einer Kommune aus den 70er Jahren.

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Das ehemalige Mao-Tse-Tung-Zentrum im Londoner Stadtteil Brixton. Heute beherbergt es ein Restaurant. Foto: Andy Rain/dpa
Das ehemalige Mao-Tse-Tung-Zentrum im Londoner Stadtteil Brixton. Heute beherbergt es ein Restaurant. Foto: Andy Rain/dpaFoto: dpa

Das Rätselraten über die 30 Jahre in einer Londoner Wohnung als „Sklavinnen“ festgehaltenen drei Londoner Frauen geht schnell zu Ende, seit die Polizei den Namen des Haushaltsvorstands bekannt gegeben und sein Alter korrigiert hat: Der 73-jährige Aravindan Balakrishnan war in einschlägigen Londoner Kreisen offenbar gut bekannt. „Bala“, der in den 1960er Jahren nach London gekommen war und dort Chanda Pattni, eine Marxistin indischer Abstammung aus dem afrikanischen Tansania kennenlernte, gründete erst in einem Buchladen das „Arbeiter-Institut für das marxistisch-leninistische Denken Mao Tse Tungs“ und dann das „malaysische und singapurianische Studentenforum“. Der Kampfruf seiner Gruppe war offenbar: „Nieder mit dem faschistischen britischen Staat“. Die „Sklavenfamilie“ vom Peckford Place in Stockwell, einem Teil von Lambeth, war offensichtlich der letzte Überrest seiner Kommune.

Die Berichte über die drei Frauen, die nach einem Anruf bei einer Hilfsorganisation aus ihrer Wohnung befreit wurden, lösten eine Flut von Kommentaren über die wachsenden Probleme des Menschenhandels und der modernen Sklaverei aus. Der Fall von Stockwell allerdings scheint in dieser Hinsicht eher untypisch zu sein.

„Bala“, auch „Vorsitzender Ara“ genannt, als klein und dicklich mit einem Schnurrbart beschrieben, hatte in den 70er Jahren Studenten um sich versammelt, die oft als Flüchtlinge vor diktatorischen Regimes nach London kamen. „Es war eine winzige, sehr enge Gruppe von Menschen, die wohl Schwierigkeiten hatten, sich an das Leben in Großbritannien zu gewöhnen“, berichtet der Oxforder Uniprofessor Steve Rayner in der BBC, der seine Doktorarbeit über die Londoner revolutionäre Szene dieser Zeit schrieb. „Sie weigerten sich, die Legitimität des Staates anzuerkennen, und hatten eine feindselige Haltung gegenüber dem Establishment und der restlichen Linken im Großbritannien jener Zeit. Ihre Ideologie war von der Realität zutiefst abgekoppelt.“ Bala und Chanda waren so extrem, dass sie bald aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen wurden. Man munkelt, Balakrishnan sei eines der Vorbilder für die TV-Komödie „Citizen Smith“ gewesen, die in der BBC ab 1977 lief und den Leiter der „Volksfront Tooting“ zum Helden hatte.

Unterdessen hat die „Daily Mail“ Liebesbriefe der jüngsten Frau in dem „Sklavenhaushalt“ veröffentlicht. Der Name der 30-Jährigen wird als „Rosie Davies“ angegeben, sie sei als Baby adoptiert worden, nachdem ihre Eltern bei einem Brand ums Leben kamen. Vielleicht war ihre Mutter, ein ehemaliges Kommunenmitglied, Sian Davies, die 1997 nach einem mysteriösen Sturz aus einem Fenster, vielleicht nach einem Brand, gestorben ist. Eine Nichte von Sian Davies bezeichnete den „Genossen Bala“ als „weniger eine charismatische Figur als einen zahnlosen Greis“. Rosie, die in 30 Jahren die Wohnungen der Restkommune nie verlassen haben soll, hat im Laufe von sieben Jahren über 500 Liebesbriefe an einen Wohnungsnachbarn, den 26-jährigen Marcus Feneck geschrieben. „Antworte nicht“ steht oben auf einem der in klarer Handschrift geschriebenen Briefe, der voller Warnungen ist. „Sie sagen, sie werden Dir schaden, wenn ich nicht verspreche, mich von Dir fernzuhalten“, und: „Sie haben mich hier eingesperrt und alle Türen und Fenster verschlossen. Ich kann alleine das Haus nicht verlassen“. Laut Fenecks Freundin steckte Rosie die parfümierten Briefe in den Briefkasten, wenn die Gruppe gemeinsam das Haus verließ.

Die 69-jährige Frau, die nach einem Schlaganfall an einen Rollstuhl gebunden zu sein scheint und ursprünglich nicht in die Fluchtpläne der beiden jüngeren Frauen, Rosie und einer 57-jährigen Irin, eingeweiht war, wurde von einer pensionierten Lehrerin in Kuala Lumpur, Kamar Mautum, als ihre Schwester Aishah identifiziert. Aishah kam 1968 mit einem Commonwealth-Stipendium zum Studium nach London, tauchte dann aber in die revolutionäre Szene ab und brach den Kontakt mit ihrer Familie ab. Berichten zufolge versuchte sie später, die Gruppe zu verlassen, wurde aber von dem „dominierenden“ Chef Balakrishnan „überzeugt“, zu bleiben.

Sollte es je zu einem Gerichtsverfahren kommen, dürften solche Episoden und die Briefe Rosies wichtige Beweisstücke sein. Aber Feneck selbst, der die Briefe nie beantwortete, sagte Reportern, er habe nie den Eindruck gehabt, dass die Frauen eingesperrt seien. Er habe sogar gesehen, wie das ältere Paar mit der Polizei gesprochen habe.

Die Polizei hat ein Expertenteam von über 30 Beamten im Einsatz, um die Geschichte der BalaKommune zu rekonstruieren, die in dieser Zeit in möglicherweise über 13 verschiedenen Sozialwohnungen untergebracht war und immer wieder Kontakt mit den Behörden gehabt haben muss. Über 2500 Beweisstücke wurden gesichert. Aber Experten halten es für durchaus möglich, dass es nie zu einer Anklage vor Gericht kommt, weil die Gesetzeslage zu unklar ist. Die Polizei hatte zwar von einem „schrecklichen Zustand“ der drei befreiten Frauen gesprochen. Berichte über physische Gewalt wurden aber eher heruntergespielt und stattdessen von „unsichtbaren Handschellen“ gesprochen.

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