Marc Dutroux : Bewährung für die Justiz

Warum Marc Dutroux nie wieder frei kommt

Klaus Bachmann[Arlon]

Hat Marc Dutroux eine Chance, Zeit seines Lebens noch einmal in Freiheit zu kommen? Schon einmal war der belgische Kinderschänder und Mädchenmörder wegen guter Führung entlassen worden und konnte seine Taten fortsetzen. Deswegen sowie wegen haarsträubender Ermittlungspannen und Fehlern der Justiz war es in Belgien zu einer Krise gekommen, an deren Ende mehrere Regierungsmitglieder zurücktreten mussten und Polizei und Justiz reformiert wurden. Das Geschworenengericht von Arlon hat Dutroux zu lebenslanger Haft verurteilt. Damit lebenslang auch wirklich lebenslang bedeutet, dafür sorgt das Urteil sowie die geänderte Rechtslage in Belgien.

Theoretisch kann Dutroux nach zehn Jahren den Antrag stellen, wegen guter Führung vorzeitig entlassen zu werden. Doch die Bedingungen wurden verschärft. So muss eine Kommission eingesetzt werden, die prüfen muss, ob bei Dutroux Wiederholungsgefahr besteht. Diese wurde jetzt vom Gericht ausdrücklich festgestellt. Die Kommission müsste außerdem die Zustimmung der Opfer einholen. Eine Freilassung auf diesem Wege gilt als völlig ausgeschlossen.

Bleibt noch der Weg der Begnadigung. Auch diese Möglichkeit gilt als hypothetisch.

Schließlich gibt es eine letzte Absicherung. Sollte trotz allem irgendeine Instanz es wollen und schaffen, Dutroux freizulassen, dann kommt er automatisch – zum Termin der Freilassung – in den unmittelbaren Gewahrsam des Justizministers, der ihn weitere zehn Jahre in Sicherheitsverwahrung nehmen muss.

Für die überlebenden Opfer und die Hinterbliebenen der Ermordeten war der Prozess eine reinigende Katharsis, nicht zuletzt deshalb, weil er ihnen die Möglichkeit gab, von Opfern zu Handelnden zu werden. Sabine Dardenne und Laetitia Delhez konnten beweisen, dass sie selbstbewusste, entschlossene junge Frauen sind, die den Herausforderungen des Prozesses besser gewachsen waren, als manche der Anwälte.

Der Prozess hat dazu beigetragen, viele der Mythen und Legenden auszuräumen, die sich in den letzten acht Jahren um die Affäre Dutroux gerankt haben. Belgiens Justiz war hervorragend auf den Prozess vorbereitet, Pannen hat es nicht gegeben, der Prozess war so fair wie irgend möglich und – was die Beteiligung der Opfer angeht – geradezu vorbildlich für andere Länder. „Belgische Zustände“, der Begriff aus den heißen Tagen der weißen Protestmärsche unmittelbar nach der Festnahme von Dutroux 1996, mit dem damals Belgien als Hort der Korruption und Konspiration angeprangert wurde, ist Geschichte.

Belgien hat inzwischen seine Polizei und seine Justiz reformiert, es hat Opfern und Nebenklägern mehr Rechte eingeräumt als irgendein anderes europäisches Land und damit beispielhaft der Forderung nach mehr Transparenz Rechnung getragen. Was auch der Prozess kaum geändert hat, ist das Misstrauen, dass viele Belgier immer noch gegen ihren Staat hegen, ein Misstrauen, das viel älter ist als der Fall Dutroux und das von ausländischen Medien gerne als Beweis für die Weiterexistenz „belgischer Zustände“ interpretiert wird.

Aus diesem Grund hat der Prozess auch kaum zum Verschwinden einer Kluft beigetragen, die Belgien seit Jahren teilt: Der Kluft zwischen den Anhängern einer großen Verschwörungstheorie, denen zufolge hinter Dutroux ein nie aufgedecktes Netzwerk von hohen und höchsten Hintermännern steht und denjenigen, für die Dutroux ein isolierter Pychopath ist, der zwei schwache, von ihm abhängige Menschen manipulierte und so zu Komplizen machte. Der Prozess hat einige kleinere Ungereimtheiten zu Tage gefördert, Beweise für das große Komplott hat er nicht erbracht.

Doch Anhänger von Verschwörungstheorien brauchen bekanntlich keine Beweise, für sie ist gerade deren Mangel Beweis genug dafür, wie perfekt das Komplott funktionierte.

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