Marco W. : "Briefe haben mir sehr viel Kraft gegeben"

247 Tage saß er in türkischer Haft - jetzt ist Marco W. frei und spricht erstmals über diese Zeit: Der 17-Jährige aus Uelzen darf Weihnachten zu Hause feiern und ist überglücklich. Doch der Prozess gegen ihn wegen Missbrauchs einer Minderjährigen läuft weiter.

Nürnberg/UelzenDer Schüler Marco hat sich nach seiner Entlassung aus türkischer Untersuchungshaft und der nächtlichen Rückkehr nach Deutschland erleichtert gezeigt. "Ich bin überglücklich, dass ich mit meiner Familie wieder zusammen bin, mit meiner Mutter und meinem Vater und dass ich mit meiner Familie Weihnachten feiern kann", sagte er in einem Fernsehbeitrag, den der Nachrichtensender n-tv ausstrahlte. Außerdem dankte der 17-Jährige den Menschen, die ihn während der gut acht Monate dauernden Haft unterstützt hatten. "All das hat mir sehr viel Kraft gegeben, und dafür bedanke ich mich sehr."

Nach 247 Tagen in einem türkischen Gefängnis war der Schüler aus Uelzen in Niedersachsen am frühen Morgen mit einem Privatjet auf dem Nürnberger Flughafen gelandet. Er verließ den Airport gemeinsam mit Begleitern in einer Limousine mit unbekanntem Ziel. Über seinen Aufenthaltsort konnten weder die Polizei in Nürnberg noch ein Flughafensprecher Angaben machen. Ein Sprecher des Privatsenders RTL, sagte, Mitarbeiter des Senders hätten Marco auf dem Flug begleitet. Der Privatsender halte die exklusiven Fernsehrechte. Wann RTL ein längeres Interview mit Marco ausstrahlen werde, sei noch unklar. Zum Aufenthaltsort wurden keine Angaben gemacht.

Marco kehrt vorerst nicht nach Uelzen zurück

Noch in Antalya hatte Marcos Anwalt Michael Nagel mitgeteilt, dass der Jugendliche erst einmal nicht in seine niedersächsische Heimatstadt Uelzen zurückkehren werde. Sein größter Wunsch sei es, mit seiner Familie allein zu sein und sich eine Woche lang von seiner Mutter verwöhnen zu lassen, sagte Nagel.

Der nächtliche Heimflug kam für viele Beobachter überraschend. Die zweistrahlige Privatmaschine mit Marco an Bord sei um 1.27 Uhr in Nürnberg gelandet, bestätigte ein Flughafensprecher. An Bord seien insgesamt acht Personen gewesen. Um wen es sich dabei handelte, sagte er nicht. Unmittelbar nach der Landung gingen Polizisten an Bord, um die Pässe der Insassen zu kontrollieren. Wegen des Andrangs von Reportern und Fotografen auf einer nahe gelegenen Aussichtsterrasse weigerten sich die Passagiere zunächst, aus dem Flugzeug auszusteigen. Erst als die Maschine gewendet hatte und einige hundert Meter weiter gefahren war, stiegen die Insassen in die wartende Limousine mit Nürnberger Kennzeichen und ein Taxi um. Die Wagen fuhren durch einen abgelegenen Nebenausgang vom Flughafengelände.

Auch Merkel zeigt sich erleichtert

Gestern hatte ein Gericht im türkischen Antalya Marco nach gut achtmonatiger Untersuchungshaft ohne Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Er soll während eines Osterurlaubs in der Türkei die 13 Jahre alte Britin Charlotte sexuell missbraucht haben, was er aber bestreitet. Der Prozess soll am 1. April in Antalya fortgesetzt werden. Deutsche Politiker reagierten mit Freude auf die Freilassung, wegen der langen Verfahrensdauer aber zum Teil auch mit Kritik an der türkischen Justiz.

"Ich freue mich, dass Marco erst einmal frei ist und nach Hause kann", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Brüssel. "Das war überfällig und höchste Zeit", sagte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth der "Passauer Neuen Presse". Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach sagte der "Frankfurter Rundschau", eine achtmonatige Untersuchungshaft sei mit rechtsstaatlichen Regeln "nicht mehr zu rechtfertigen" gewesen.

Marco kann nicht an die Türkei ausgeliefert werden

CSU-Chef Erwin Huber kritisierte, die Türkei sei offenbar kein "Rechtsstaat in unserem Sinne". Auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hatte erleichtert auf die Freilassung Marcos reagiert. Die nächsten Monate müssten genutzt werden, um zu entscheiden, ob der Prozess in Deutschland fortgeführt werden könne, sagte der CDU-Politiker.

Marco sei aus Sicht der türkischen Justiz zwar zur Teilnahme am Prozess in Antalya verpflichtet, sagte der Kölner Rechtsprofessor Thomas Weigend. Durchsetzen könnten die dortigen Behörden seine Anwesenheit aber nicht. "Das ist seinem guten Willen und seinem Pflichtgefühl überlassen", sagte Weigend. Als deutscher Staatsbürger könne er nicht an die Türkei ausgeliefert werden. Er könnte dort aber in Abwesenheit verurteilt werden, falls das türkische Recht dies zulasse.

Parallelverfahren in Deutschland?

Theoretisch ist es nach Weigends Worten möglich, dass gegen Marco - parallel zu dem Verfahren in der Türkei - auch in Deutschland ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs geführt wird. Marcos bereits in der Türkei abgesessene Untersuchungshaft müsste dann in Deutschland angerechnet werden. Wegen der härteren Haftbedingungen dürfte die dortige achtmonatige Haft mit einem höheren Faktor veranschlagt werden als eine vergleichbare Zeit in Deutschland.

Das deutsche Strafrecht gilt unabhängig vom Recht des Tatorts auch für eine ganze Reihe von Taten, die im Ausland begangen werden. Darunter fallen auch Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt ohnehin gegen Marco. "Wir haben sämtliche Unterlagen der türkischen Justiz angefordert. Noch ist aber nicht alles angekommen und übersetzt", sagte Behördensprecher Manfred Warnecke. Anschließend werde der Fall geprüft. Jetzt müssten der Schüler und seine Familie aber erstmal zur Ruhe kommen. (ho/dpa)

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