Margot Käßmann : Affäre mit Dienstwagen

Bischöfin Käßmann fuhr betrunken Auto. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat der Ratsvorsitzenden das Vertrauen ausgesprochen. Doch wie soll sie sich jetzt weiter als moralische Wegweiserin profilieren?

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Vorfahrt. Die Bischöfin wird von einem Chauffeur durch Berlin gefahren. Foto: dpadpa

Es habe dieses unerquickliche Gefühl gegeben, beobachtet zu werden, diese Frage der anderen: Hält sie durch oder nicht? Damals, als sie sich von ihrem Mann trennte. Unerquicklich vor allem auch deshalb, weil auch sie nicht wusste, „wie weit die Kraft trägt“. Sie fragte sich selbst: „Werde ich standhalten oder werde ich doch flüchten?“

So erzählt Margot Käßmann von der Zeit ihrer Scheidung, in einem Buch, das „In der Mitte des Lebens“ heißt. Nach 26 Ehejahren und vier gemeinsamen Töchtern entschieden sie und ihr Mann sich 2007 für eine Trennung. Das war eine Herausforderung für die Evangelische Kirche Deutschlands, die EKD, denn Käßmann war ihre erste Bischöfin. Doch stand man zu ihr, und das Kirchenparlament wählte sie im Oktober 2009 sogar zur EKD-Vorsitzenden.

Jetzt steht ihre Kirche vor der nächsten Herausforderung: Käßmann ist in Hannover am Samstagabend um 23 Uhr mit 1,54 Promille Alkohol im Blut in ihrem Dienstwagen über eine rote Ampel gefahren und erwischt worden. Bei 1,54 Promille bestehen nach Expertenmeinung erhebliche Ausfallerscheinungen, wenn man Alkohol nicht gewöhnt ist. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Bischöfin hat sich entschuldigt. „Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich so einen schlimmen Fehler gemacht habe.“ Und wieder blicken alle auf sie und fragen: Hält sie durch oder nicht?

Sie selbst hat sich dem Vernehmen nach am Dienstag mit der Frage geplagt, ob sie von der Spitze der Evangelischen Kirche zurücktreten soll, sich dann aber dagegen entschieden. Doch für eine Würdenträgerin ihres Kalibers ist Alkohol am Steuer nicht nur ein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. Die Bischöfin ist eine moralische Instanz, „ohne Tadel“ soll sie sein, „nüchtern, besonnen“, sagt die Bibel. Zuletzt hat sich Käßmann als Kritikerin des deutschen Afghanistan-Einsatzes mit der politischen Klasse angelegt. Sie gilt als tatkräftig, aber unbedacht, zeigte sich „überrascht“ von den Reaktionen auf ihre Dresdner Neujahrspredigt. Hat unter den Attacken auch gelitten. Ist ihr alles zu viel geworden? Hat sie die Kontrolle verloren?

In einem Interview hatte Käßmann, Tochter eines Kfz-Mechanikers, einmal „mangelndes Verantwortungsbewusstsein“ von Autofahrern kritisiert, „insbesondere wenn Alkohol oder Drogen mit im Spiel sind“. Bei ihrer ersten Führerscheinprüfung ist sie allerdings durchgefallen, weil sie zu schnell war.

Margot Käßmann ist beliebt, weil sie aus der Mitte des Lebens kommt. Nett, sei sie. Eine, die redet, wie das Herz spricht. Bei der Trauerfeier für Nationaltorhüter Robert Enke fand sie bewegende Worte ohne Pathos, die den Schmerz von Tausenden trafen. Auch über ihre Brustkrebserkrankung sprach sie offen mit den richtigen Worten. Dass sie eine „fabelhafte Sympathieträgerin“ abgeben würde, bescheinigen ihr auch Kirchenleute, die sie widerstrebend ins Amt der EKD-Vorsitzenden gewählt haben. Sie habe das intellektuelle Format nicht, sagen Kritiker, um auf Bundesebene mitzureden. Schon bei der Wahl ging die Sorge um, dass sich die nur 1,60 Meter große Frau übernehmen würde.

Wie soll sie sich jetzt weiter als moralische Wegweiserin profilieren? Ihr drohen eine Geldstrafe wegen Trunkenheit am Steuer und ein Jahr Führerscheinentzug. Nach Auskunft eines Kirchensprechers wird der Vorfall darüberhinaus keine disziplinarischen Maßnahmen nach sich ziehen. „Wie bei jedem Pfarrer wird im Fall einer strafrechtlich relevanten Ersttat seit 2008 eine Rüge erteilt.“ Dass der Kirchenrat, der gestern spätabends noch zur Telefonkonferenz rief, ihren Rücktritt verlangen würde, glaubten Insider nicht. Der könne nur von ihr selbst ausgehen.

Käßmanns Alkoholfahrt fällt just in die Fastenzeit, in der sich gläubige Christen in Enthaltsamkeit üben. Noch im vergangenen Jahr war auch die Bischöfin dabei. In einem Interview mit „Spiegel Online“ sagte sie damals, dass für sie während der 40-tägigen Fastenperiode Alkohol tabu sei. Und auf die Frage, ob ihr das schwer falle, antwortete sie: „Ja, ich merke auf einmal, wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann.“

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