Welt : "Marias Traum": Erwachen in der blauen Grotte

Ulrich Karger

Liv Maria wird bald 15 Jahre alt. Sie möchte Klarheit in ihr Leben bringen. Das fängt damit an, dass sie endlich ihrem unbekannten Vater auf die Spur kommen will. Doch auch die Vergangenheit ihrer Mutter scheint ein einziges Rätsel zu sein. Ihr Großvater und auch schon dessen Vater gehörten offenbar einer christlichen Sekte an, die sich durch Strenge in der Erziehung ihrer Kinder auszeichnete. Dies eröffnet Liv die Frage nach dem Warum von Religionen, und sie lässt sich nach einiger Zeit zum bewusst in Kauf genommenen Ärger ihrer ungläubigen Mutter nur noch Maria nennen. Zudem verliebt sich Maria in Espen, dessen Vater die beiden zu einer Reise nach Capri einlädt. Und in der berühmten blauen Grotte Capris beginnt für sie ein traumhaftes Abenteuer, das am Ende fast alle Rätsel und Fragen lösen hilft.

Vor der Lektüre schien Skepsis angebracht: noch ein Buch, das Jugendlichen zur Auseinandersetzung mit religiösen Fragen soll, noch dazu ein äußerst dickleibiges. Aber Roar Skolmen hat sich mit "Marias Traum" in dieselbe Liga von Jostein Gaarder ("Sophies Welt") und Cathérine Clément ("Theos Reise") geschrieben - und beide womöglich sogar übertroffen. Skolmens ungestüme Maria lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass sie die eigentliche Heldin seiner Geschichte ist. Eine beeindruckende Identifikationsfigur, die mit den Schriftreligionen, und da in der Hauptsache mit der jüdischen und der christlichen in Berührung kommt. Doch genau dieser sich darauf beschränkende Ansatz macht das Buch nicht nur der Elite einer jugendlichen Leserschaft zugänglich.

Ein Traum von Tiberias

An Maria mit ihrer allein erziehenden Mutter wird eine Realität abgebildet, die viele nachvollziehen können. Sie lässt sich nichts vormachen, und ihre Intelligenz begründet ihre Sturheit wie auch ihre Verletzlichkeit. Das erlaubt kein Resignieren. Maria will es wissen - selbst auf die Gefahr hin, sich dabei eine blutige Nase zu holen.

Neben der wunderschönen Liebesgeschichte, die völlig unverkrampft auch erste sexuelle Erfahrungen nicht ausspart, bilden das Alte und Neue Testament den Kern des Buches. In ihrem Traum gelangt Maria vor den Kaiser Tiberias. Ihm müsste sie ihre Jungfräulichkeit opfern, wenn sie nicht auf das Vorbild Scheherazades zurückgreifen und ihm nächtelang Geschichten erzählen könnte, die sie sich Monate zuvor im Trotz gegen ihre Mutter in der Bibel angelesen hat.

Durch dieses freie Erzählen, eingebunden in die Zeit, die Kommentare und die Willkür des Tiberias, gewinnen die biblischen Geschichten eine mitreißende Unmittelbarkeit, die kaum einen Leser kalt lassen dürfte. Später als Sklavin nach Ägypten verschleppt und von dort nach Jerusalem geflohen, meint Maria sogar, das Schicksal Jesu abwenden zu können.

Wie Skolmen es hier schafft, Maria ihre eigene kritische Sicht bewahren zu lassen und zugleich die biblischen Inhalte nicht in Fantasy zu verkehren, ist schon ein Kunststück für sich. Das Ende dieses begeisternden Buches ist rund und lädt dennoch zu einem offenen Pro und Contra über den Glauben ein - aber jetzt in weit fundierterer Kenntnis der in Europa über die Jahrhunderte hinweg dominierenden Religionen.

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