Welt : Marias Wirtschaftswunder

Mehr als eine Million Gläubige pilgern jährlich nach Medjugorje – für Bosnien auch ein Touristenboom

Markus Bickel[Medjugorje]

Wie durch ein Wunder waren die Wunden am nächsten Morgen verschwunden: Marti Garethy bekommt noch heute leuchtende Augen, wenn sie von der vermeintlich übersinnlichen Heilung ihrer Mutter erzählt, die Ende der achtziger Jahre beim Aufstieg zum Kreuzberg von Medjugorje stürzte. „In der Nacht nach dem Unfall spürte sie plötzlich einen furchtbaren Schmerz“, erzählt die Irin aus Dublin. „Aber als sie am nächsten Tag aufgewacht ist, war von den Schürfwunden und Druckstellen nichts mehr zu sehen.“ Anderthalb Jahrzehnte später hat sie sich deshalb mit ihrem Mann in die bosnische Kleinstadt unweit der Grenze zu Kroatien aufgemacht, um den Geheimnissen des Wallfahrtsorts auf die Spur zu kommen.

Die beiden Mittsechziger sind nur zwei von täglich über 300 Iren, die sich zwischen Ostern und Oktober in die kleine Gemeinde im Südwesten Bosniens begeben. Der irische Reiseveranstalter Paddy Tours, gelegen zwischen einem katholischen Buchladen und einem Souvenirladen mit christlichen Devotionalien, hat sich auf das Geschäft mit den Gläubigen von der Insel spezialisiert: In der Hochsaison fliegen täglich Charter in die kroatische Adriastadt Dubrovnik, von wo die Pilger in Bussen weiter nach Bosnien-Herzegowina gekarrt werden. Dort wartet der Veranstalter dann mit einem sechstägigen Rundumprogramm auf: Neben mehreren Messen am Tag und Informationen zur Geschichte Medjugorjes stehen Beichtstunden, Treffen mit Mönchen und Ausflüge zu Einrichtungen katholischer Hilfsorganisationen in der Region auf dem gedrängten Tagesplan.

Der Grund für den Aufstieg der unscheinbaren 4000-Einwohner-Gemeinde zur weltweit zweitgrößten katholischen Pilgerstätte nach dem französischen Pyrenäenort Lourdes ist schnell erzählt: Am 24. Juni 1981, so die Legende, sahen sechs Kinder auf dem Hügel Crnica, der heute den Namen Erscheinungsberg trägt, eine junge Frau mit einem Kind in den Armen, die ihnen ein Zeichen gab, näher zu kommen. Erstaunt und erschrocken trauten sie sich nicht, sich ihr zu nähern. Doch als sich die Marienerscheinung am nächsten Abend zur gleichen Zeit wiederholte, war der Mythos von Medjugorje als heiliger Stätte geboren.

Zwar verurteilten Richter aus Titos Jugoslawien den damaligen Pfarrer der Gemeinde des heiligen Jakobus, Jozo Zovko, zu drei Jahren Gefängnis. Doch nicht nur am Jahrestag der Erscheinung, sondern täglich folgen nun Gläubige aus aller Welt dem Ruf der Mutter Gottes. Sie soll am dritten Tag mit dem von den Kindern überlieferten Ruf „Friede, Friede, Friede – und nur Friede! Zwischen Gott und den Menschen soll wieder Friede sein! Friede soll unter den Menschen sein!“ den Grundstein für die „Seher von Medjugorje“ gelegt haben. So wird die Gruppe genannt, die die heute als „Königin des Friedens“ gepriesene Maria gesehen haben will.

Seitdem reißt der Strom von Katholiken aller Kontinente in die mehrheitlich kroatisch besiedelte Gläubigerhochburg im Herzen der Herzegowina nicht ab. Selbst während des Bosnienkrieges Anfang der neunziger Jahre besuchten jährlich mehrere hunderttausend Gläubige den Wallfahrtsort, der als Hochburg der von Kriegspräsident Franjo Tudjman gegründeten nationalistischen Kroatisch-Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) gilt. Tendenz steigend: Waren es im ersten Jahr nach Kriegsende nur eine halbe Million Besucher, so gingen die Zahlen seit 1996 stetig in die Höhe. Voriges Jahr waren es knapp 1,2 Millionen.

Gläubige wie die Garethys aus Irland, die ihre Stippvisite in Medjugorje mit einem längeren Urlaub an einem der kroatischen Mittelmeerresorts verbinden, machen noch eine Minderheit unter den Besuchern aus, erklärt der Direktor des regionalen Touristenverbandes, Zeljko Vasilj: „Fast 90 Prozent kommen allein aus religiösen Gründen in die Stadt. Statt in Hotels suchen sie Unterkunft bei einheimischen Familien, wo sie sich durch gemeinsame Gebete spirituelle Nähe erhoffen.“

Das aber könnte sich bald ändern. Mit der Einweihung der Alten Brücke von Mostar im Juli dürften künftig weitaus mehr Adriatouristen den Weg ins wegen seines Kriegsimages gemiedene Bosnien finden. Neben religiösem Kitsch wie batteriebetriebenen ewigen Flammen aus Medjugorje – „brennt mindestens 300 Tage“ – bietet sich in Mostar der Kauf von ebenfalls nicht ganz alltäglichen Mitbringseln wie etwa Kugelschreibern an, die aus Patronenhülsen gebastelt wurden.

Als am Abend des

24. Juni 1981 sechs Kindern am Ortsrand von Medjugorje die Mutter Gottes erschien,

wollten sie ihren Augen zunächst nicht trauen. Doch an den nächsten beiden Tagen wiederholte sich das Schauspiel. Die „Seher von Medjugorje“ gründeten sich, verbreiten die Botschaft Marias – und

fordern Gläubige aus

aller Welt zu Gebeten für den Frieden auf. Der Vatikan hat die Marienerscheinung nie rechtmäßig anerkannt.

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