Marienkäfer : Die asiatische Gefahr

Einheimische Marienkäfer haben ein Problem: Ein naher Verwandter vermehrt sich in Massen.

Roland Knauer
marienkäfer Foto: Imago
Der vielgepunktete Marienkäfer aus Asien vermehrt sich doppelt so schnell wie der einheimische. -Foto: Imago

Berlin - Wenn das nächste Weinglas im Gaumen statt lang anhaltender Fruchtaromen eher den unangenehmen Geschmack verbrannter Erdnussbutter verbreitet, könnte ein Marienkäfer die Ursache sein. Zumindest in US-amerikanischen Weinbergen knabbert der asiatische Marienkäfer Harmonia axyridis nämlich eifrig an verletzten Trauben, die normalerweise mit gekeltert werden. Gelangen etliche Käfer in die Kelter, gibt ein Biomolekül der Insekten dem Wein die unangenehme Note, die in Zukunft auch deutschen Rebensaft verderben könnte.

Denn Harmonia axyridis krabbelt längst auch durch deutsche Weinberge und lässt sich einheimische Kirschen schmecken. Bei Christoph Hoffmann vom Julius-Kühn-Institut (JKI), der Bundesforschungsanstalt für Kulturpflanzen, rufen immer häufiger besorgte Menschen aus verschiedenen Teilen Deutschlands an, die von Marienkäfermassen berichten, die über Pflaumen und Kirschen herfallen. Oder die an Waldrändern von ganzen Schwärmen des Käfers belästigt werden.

Genau wie der einheimische Marienkäfer mit seinen sieben Punkten auf dem Rücken frisst auch die Verwandtschaft aus dem Osten Asiens vor allem Blattläuse. Die wiederum saugen Säfte auch aus Kulturpflanzen und verringern so die Ernte. Weil sie aber deutlich mehr Blattläuse als die einheimische Art fressen, wurden die asiatischen Marienkäfer bereits 1982 nach Südfrankreich geholt, um dort die einheimischen Marienkäfer bei deren Kampf gegen Blattläuse zu unterstützen. Für einige Zeit hatten damals auch deutsche Fachhändler Harmonia axyridis im Angebot. Ob der asiatische Marienkäfer sich dann aus einigen Freisetzungsgebieten in Deutschland, Holland oder Belgien aus verbreitete oder aus Südfrankreich einwanderte, ist unbekannt.

2002 jedenfalls meldeten dann deutsche Städte wie Hamburg und Frankfurt am Main Massenvermehrungen der Eindringlinge, seither tauchen die Asiaten auch in anderen Gegenden immer wieder auf. Fachleute begegnen dem Neuankömmling mit gemischten Gefühlen: Einerseits frisst er die lästigen Blattläuse und verbessert so die Ernteaussichten, andererseits fällt er oft über genau diese Ernte her, bevor der Mensch zum Zuge kommt. Auch Naturschützer haben so ihre Bedenken: Weil der asiatische Marienkäfer sich in jeder Saison zweimal vermehrt, sein einheimischer Kollege aber nur einen Durchgang schafft, könnte sich der Neuankömmling durchsetzen und den einheimischen Marienkäfer mit der Zeit verdrängen. Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) im bayerischen Hilpoltstein dagegen kann sich nicht so recht vorstellen, dass die hiesige Verwandtschaft komplett verschwindet, schließlich ist auch der Sieben-Punkt-Marienkäfer ein ökologisches Erfolgsmodell. Irgendwo wird der Glückskäfer also Zuflucht finden. Und sei es in Getreidefeldern, die für die asiatische Verwandtschaft anscheinend weniger interessant sind.

Bei solchen Eindringlingen weiß man allerdings nie so genau, ob sie sich durchsetzen, erklärt der LBV-Naturschützer Andreas von Lindeiner: Seit Christoph Kolumbus 1492 Amerika entdeckte, sind zum Beispiel 553 verschiedene Insektenarten in Deutschland angekommen, die es vorher hier nicht gab. 115 dieser Arten haben sich wie zum Beispiel der Kartoffelkäfer durchgesetzt, alle anderen verschwanden nach einiger Zeit wieder. Einmal etabliert aber können solche Eindringlinge erhebliche Schäden anrichten. Der aus Amerika eingeschleppte Kartoffelkäfer verursachte zum Beispiel am Ende des 19. Jahrhunderts in Irland Hungersnöte. Ob der asiatische Marienkäfer abgesehen von verdorbenem Wein ähnliche Katastrophen verursachen können, wollen die JKI-Forscher noch untersuchen.

Ein ganz anderes Problem wurde aus dem US-Bundesstaat Ohio bekannt. Wenn die asiatischen Marienkäfer dort ein Winterquartier suchen, fallen oft etliche Tausend gleichzeitig in ein Haus ein und verbreiten Angst und Schrecken. Ähnliches ist auch schon im badischen Freiburg vorgekommen, berichtet JKI- Forscher Christoph Hoffmann.

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