Marienkäferplage : Die Glücksbringer beißen zu

An der Ostsee leiden die Menschen unter einer Masseninvasion der Marienkäfer. Und es gibt noch eine zweite Plage.

Roland Knauer
Marienkäfer
Glücksbringer oder Plage? Marienkäfer am Strand von Warnemünde. -Foto: dpa

Eigentlich gelten die roten Marienkäfer mit den schwarzen Punkten auf dem Rücken ja als Glücksbringer. Was sich aber derzeit an der deutschen Ostseeküste abspielt, empfinden viele Menschen als Plage. Sie sammeln sich zu Millionen – überall. Der Stralsunder Peter Koslik beschreibt einen Biss in den Nacken wie einen „kleinen Nadelstich“, wie dpa berichtet. Die Bisse, von denen Urlauber berichteten, sind nach Angaben des Greifswalder Zoologie-Professors Jan-Peter Hildebrandt völlig harmlos und oberflächlich. „Der Mensch passt nicht in das Beuteschema des Marienkäfers.“

In diesem Jahr gibt es noch eine zweite Plage. Wespen scheinen diesmal sehr viel früher aggressiv aufzutreten. Nun gehören Wespenplagen genau wie Gewitterluft, Schauerwetter und Sonnenschein fast jedes Jahr zum deutschen Sommer. Marienkäfer als Quälgeister aber scheinen neu. „Der Eindruck täuscht, Marienkäfer sammeln sich immer wieder einmal zu größeren Gruppen“, erklärt Gerlinde Nachtigall vom Julius-Kühn-Institut (JKI) in Braunschweig, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. Dort interessieren die Wissenschaftler sich für Marienkäfer, weil die roten Insekten Gärtnern tatsächlich Glück bringen. Das Gärtnerglück wiederum erklärt die Marienkäferplage an der Ostsee.

Die Leibspeise der Marienkäfer sind Blattläuse, die ihrerseits wiederum von Pflanzensäften zehren. Gibt es viele Blattläuse, schwächen die saugenden Kleininsekten die Pflanzen sehr und dem Gärtner droht ein Ernteausfall. Aus der Sicht einer Blattlaus aber war das Wetter dieses Jahr optimal. Ist es warm und feucht, fühlt die Blattlaus sich so richtig wohl und vermehrt sich kräftig.

Von dieser Blattlausplage profitieren Marienkäfer. Die roten Käfer mit den sieben Punkten auf dem Rücken vermehren sich rasant. Manchmal sammeln sich die vielen Marienkäfer dann aus unbekannten Gründen, oder sie werden vom Wind an bestimmte Stellen getrieben. Und schon wimmelt der Ostseestrand von roten Käfern.

„Neben dem Siebenpunkt-Marienkäfer und ungefähr 70 weiteren Marienkäferarten gibt es in Deutschland aber auch noch den asiatischen Marienkäfer“, erklärt JKI-Biologin Gerlinde Nachtigall weiter. Dieser wurde aus Asien nach Europa eingeschleppt und hat einen Riesenvorteil gegenüber dem Sieben-Punkt-Marienkäfer, der in Deutschland aus dieser Gruppe am häufigsten vorkommt: Während das deutsche Krabbeltier sich nur einmal im Jahr vermehrt, bringt es der asiatische Marienkäfer auf mehrere Generationen. Obendrein ist der Eindringling auch noch aggressiver und beißt in seltenen Fällen auch schon einmal zu, wenn er auf der Haut eines Menschen gelandet ist. Wenn sich also unter die einheimischen Sieben-Punkt-Marienkäfer an der Ostsee auch einige eingedrungene asiatische Marienkäfer mischen, könnten das die Tiere sein, von denen an der Ostsee anscheinend bereits der eine oder andere Mensch gebissen wurde. „Wir wissen allerdings über den asiatischen Marienkäfer noch wenig, weil er in Deutschland nicht erforscht wird“, bedauert JKI-Spezialistin Gerlinde Nachtigall.

Das Verhalten der Wespen ist dagegen sehr gut bekannt: „Fühlen sie sich oder ihr Nest angegriffen, stechen sie zu“, erklärt Andreas Taeger vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut im östlich von Berlin liegenden Müncheberg. Um Wespenplagen zu verstehen, erklärt der Insektenforscher erst einmal das Leben der schwarz-gelb-gestreiften Tiere. Die Wespenarten, mit denen der Mensch häufiger in Konflikt gerät, gründen im Frühjahr ihren Staat erst einmal neu. In diesem Wespennest entwickeln sich dann in wenigen Wochen neue Tiere, die in der Umgebung des Nestes andere Insekten jagen oder auch angefaultes Obst fressen.

Je weiter die warme Jahreszeit fortschreitet, umso mehr Wespen gibt es dann in diesem Insektenstaat. Und je näher das Nest an der Terrasse oder der Gartenecke ist, in der Menschen ihre Kaffeetafel im Grünen aufbauen, umso häufiger begegnen sich dann eben Zweibeiner und die mit einem Giftstachel bewehrten Insekten.

So schmerzhaft der Wespenstich auch ist, von einer Wespenplage möchte Andreas Taeger denn doch nicht sprechen. Da spielt eher der Zufall eine Rolle: Wer in der Nähe eines Wespennestes gern Kaffee trinkt, hat einfach Pech gehabt. Im nächsten Jahr könnten diese Wespen-geplagten Menschen dafür Glück haben. Der neue Wespenstaat entsteht meist ein Stück weiter weg.

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