Maritime Medizin : Der Arzt der sieben Weltmeere

Seeleute aller Nationen reisen regelmäßig ins brandenburgische Bad Saarow, um sich von dem Arzt Olaf Schedler ihre Seediensttauglichkeit bescheinigen zu lassen. Aber Sicherheit geht auf See vor.

Marion Schulz
Dienst auf Deck: Auf dem Segelschiff „Alexander von Humboldt II“ hat Olaf Schedler seine Arbeitsstunden auf See abgeleistet.
Dienst auf Deck: Auf dem Segelschiff „Alexander von Humboldt II“ hat Olaf Schedler seine Arbeitsstunden auf See abgeleistet.Foto: Boris Horvat/AFP

Ein Matrose sitzt in dem Behandlungszimmer in Bad Saarow und weint. Ein Schrank von einem Mann, Hände so rau wie Schleifpapier, das Schluchzen schüttelt den ganzen Körper. „Wenn man so einem die Hand gibt, hat man sofort eine Ahnung, was der so leistet“, sagt Olaf Schedler, als er von diesem Vorfall erzählt, „und wenn er zusammenklappt, bricht es ihm und einem selbst das Herz“. Olaf Schedler, Chefarzt der Rettungsstelle in dem brandenburgischen Kurort, hat schon viele Herzen gebrochen, seit er in dem Krankenhaus Seeleuten die Diensttauglichkeit attestiert.

Der 49-jährige Berliner ist Spezialist für Maritime Medizin, für Menschen, die in Seenot geraten oder auf Schiffen krank werden. Und für all jene, die die Meere bereisen und, wie der Matrose, auf ihnen arbeiten. 500 Männer und Frauen kamen im vergangenen Jahr zu ihm. Mitarbeiter von Kreuzfahrtschiffen, Handelsschiffen, Expeditionsschiffen, ganze Busse reisen aus Hamburg an. Obwohl die Seekrankheit die einzige Krankheit ist, die durch die See ausgelöst wird, gibt es zahlreiche Leiden, mit denen vor allem Seeleute zu kämpfen haben.

Fischer ist ein gefährlicher Beruf, Containerarbeiter leiden unter körperlichem Stress - und Bewegungsmangel

Die Fischer sind am schlimmsten dran, sagt er. Kaputte Knochen, manchmal fehlen Gliedmaßen. „Was denken Sie, wie viele bei diesem Job umkommen?“, fragt Schedler in seinem Büro, das kaum größer ist als eine Schiffskajüte. Wenn er von der Belastung zahlreicher Seeleute erzählt, klingt es nach einer Mischung aus Bergarbeitern und Büroangestellten. Die Leute packen am Hafen hart an. Wenn das Containerschiff aber voll beladen über den Atlantik brettert, bewegt sich die Besatzung kaum noch. Diabetes, Herzschwäche, Fettleber sind die typischen Erkrankungen eines Seemannes.

„Manche sagen: ,Jau, Doktor. Ich trinke nur zwei, drei Biere, Doktor“, erzählt Schedler und betont: „Aber Alkoholismus erkenne ich sofort.“ Am Gang, am Blick, daran, dass die Leute so scheu sind. Scheu war er gewesen, der weinende Matrose, die Krankheit hat ihn die Karriere gekostet. Schedler schüttelt den Kopf. „Da helfen kein Betteln und kein Flehen. Sicherheit an Bord geht vor.“ Auf den Schränken hat er Matrosenmützen drapiert, die er sich bei seinen Einsätzen erarbeitet hat. Jeder Maritime Mediziner an Land muss Arbeitsstunden auf See leisten. Nicht nur als Arzt. Auf Segelschiffen musste Olaf Schedler, der regelmäßig zwischen Küste und Kurstadt pendelt, auch mal das Deck schrubben.

Manchmal hilft nur eine Ferndiagnose - oder "Neptun oder Gott"

250 Maritime Mediziner arbeiten in Deutschland. Die meisten praktizieren an der Küste, ein paar wenige in Großstädten wie Berlin und München. Und dann gibt es Schedler, der die Maritime Medizin nach Bad Saarow gebracht hat, eine Stadt, die 300 Kilometer von der Küste entfernt liegt und in der 5000 Einwohner leben, so viele Menschen, wie Passagiere auf einem großen Kreuzfahrtschiff. Regelmäßig kontaktieren ihn Kapitäne auf allen Ozeanen, damit er ihnen per Ferndiagnose bei der Behandlung hilft. Mal ist es ein Knochenbruch, mal ein Herzinfarkt, manchmal muss er einschätzen, ob der Patient an einer Erkältung leidet oder an einer tropischen Krankheit. „Wenn es uns nicht gibt, hilft nur Neptun oder Gott. Ich bin nicht sicher, wie sehr man sich auf die beiden verlassen kann.“

Olaf Schedler, Chefarzt der Rettungsstelle in dem brandenburgischen Kurort.
Olaf Schedler, Chefarzt der Rettungsstelle in dem brandenburgischen Kurort.Foto: Marion Schulz

An der Uni Greifswald hat er den Fachbereich als Studienfach etabliert, um junge Mediziner unter anderem für die Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen vorzubereiten. „Die Spaßindustrie nimmt Medizin überhaupt nicht wahr“, sagt er. Seit immer mehr Menschen Notfälle an Bord mit ihrem Smartphone filmen und Fehler der Ärzte aufzeichnen, klagen die Opfer vor Gericht, so dass es sich auch für die Reedereien lohnt, in gut ausgebildetes medizinisches Personal und Ausstattung zu investieren. So können sie mögliche Prozesskosten mindern.

Mit Traumschiff-Fantasien hat der Arztberuf auf See nichts zu tun

Olaf Schedler, offener Hemdknopf und grau meliertes Haar, stellt klar: „Das ist nicht wie auf dem Traumschiff. Der hübsche Arzt, der die ganze Zeit am Tresen steht oder Cha-Cha-Cha tanzt.“ Da gibt es Knochenbrüche, Herzinfarkte und regelmäßig Noro-Viren, so dass die Schiffe keinen Hafen mehr anlaufen dürfen und hunderte Passagiere nicht mehr von der Toilette herunterkommen. Ein Schiffsarzt kann nicht ans nächste Krankenhaus überweisen und damit an Spezialisten. Er muss Röntgengeräte bedienen, Wunden nähen und auch die kleinen Wehwehchen versorgen. Schedler erzählt die Geschichte von einem Matrosen, der sich hoch oben auf dem Mast die Schulter ausgekugelt hatte. Schedler ist zu ihm hinaufgeklettert und hat sie ihm in der Höhe wieder eingerenkt.

Auch der ehemalige Marine-Arzt und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Maritime Medizin in Hamburg, Klaus-Herbert Seidenstücker, beschreibt die Arbeit eines Schiffsarztes als Ausnahmesituation: „Man kann das mit nichts vergleichen, außer mit einem Arzt, der in der afghanischen Kampfzone praktiziert. Der muss auch alles können, vom Augenleiden bis zur Schussverletzung.“ Mitten im Atlantik erreicht kein Rettungshubschrauber den Kranken.

Auf einer von Schedlers Seereisen wurde eine Frau von Bord gespült. Das Wasser kann noch so warm sein, für den Menschen ist es dennoch zu kalt. Schedler schaute aufs Meer und konzentrierte sich auf das, was kommen könnte. Unterkühlung, Knochenbrüche, vielleicht Tod. „Da sitzt man und wartet. Eine schreckliche Anspannung.“ Am Ende ist alles glimpflich ausgegangen. Die Frau hatte alles richtig gemacht, die Beine angezogen, um sich zu wärmen und treiben lassen. Sie ist nicht geschwommen. „Beim Schwimmen verliert man zu viel Energie, das ist Selbstmord.“

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