Marokko : Trotz der Wüste

Wie Marokkos Bürger sich im Alltag gegen Wüstenbildung und Klimawandel stemmen. Aufhalten können sie die Wüste nicht, nur bremsen.

Rolf Brockschmidt

Berlin„Seit Anfang der 80er Jahre dauern bei uns in Marokko Trockenperioden länger, treten immer öfter auf und sind in den Folgen immer ernster“, sagt Abdeladim. Er ist Hoher Kommissar der Regierung von Marokko für Wasser, Forsten und die Bekämpfung der Desertifikation, der Wüstenbildung. Für Lhafi, der im Range eines Ministers direkt dem König und dem Premierminister untersteht, ist der Klimawandel seit Jahrzehnten aktuell: „Der Wald unterwirft sich nicht der Agenda der Politik, ein Baum wächst 70 Jahre, bis er wirtschaftlich nutzbar ist“, sagt Lhafi. Deshalb dürfe diese Arbeit nicht der Agenda der Politik im Vierjahresrhythmus der Wahlen unterworfen sein, habe der König entschieden.

93 Prozent der Fläche Marokkos sind von Natur aus aride und semi-aride – so wird das Klima genannt, wenn die Verdunstung in einer Region die Niederschläge übersteigt. Die Bevölkerung des Landes wächst, und das Wasser wird weniger. Der Prozess der Wüstenbildung ist nicht mehr umkehrbar. Marokko kann ihn nur bremsen – und damit umzugehen lernen. Dieser Prozess betrifft nicht nur das Voranschreiten der Wüste selbst, sondern auch den Verlust an Produktivität und Biodiversität, die Erosion, den Rückgang der Wassereinzugsgebiete: alle Ungleichgewichte des Ökosystems.

„Wir kommen durch den Klimawandel jetzt in ein völliges Ungleichgewicht. Durch die Zunahme der Trockenheitsperioden fehlt uns Wasser. Wenn es regnet, kann jetzt die Jahresmenge innerhalb von zwei Wochen fallen, es kommt dann zu Überschwemmungen und den Rest des Jahres bleibt es trocken. Das ist für die Zukunft der Landwirtschaft eine sehr beunruhigende Tendenz“, erklärt Lhafi. Ein besonderes Problem ist die Erosion durch Wind und Regen. Von dem gesamten Wassereinzugsgebiet von 20 Millionen Hektar Marokkos ist eine Million akut gefährdet. Auf 500 000 Hektar wurden nun Bäume gepflanzt und kleine Dämme errichtet, um den Boden zu halten. „Wir haben aktuell 75 Millionen Kubikmeter Erde, die durch das Wasser in die Staudämme gelangen. Das entspricht der Kapazität eines mittleren Staudammes, mit dem man etwa 10 000 bis 15 000 Hektar bewässern könnte“, beschreibt Lhafi die dramatische Entwicklung. „Hinzu kommt der Mensch. Hat er zu wenig Wasser, bohrt er Brunnen. Dann sinkt der Grundwasserspiegel weiter ab.“

Auch Tierarten gehen Marokko verloren: Noch vor 60 Jahren gab es hier Löwen, Gazellen und Krokodile. „Angesichts dieser komplexen Probleme wollen Eingriffe wohlüberlegt sein“, sagt Lhafi. Eines der Programme, das die Regierung aufgelegt hat, ist die großzügige Wiederaufforstung. 50 Millionen Bäume werden jetzt jährlich gepflanzt, je nach Region Zedern, Pinien, Korkeichen und andere.

Doch das reicht nicht, auch die Bürger müssen ihr alltägliches Verhalten verändern: „Jeder hat in Marokko das Recht, seine Schafe in den Wald zu treiben. Also rechnen wir heute aus: Wie viele Tiere verträgt der Wald? 2000? Wenn wir aber die vierfache Menge haben, müssen wir die Qualität der Tiere verbessern, den Menschen zeigen, wie sie bessere Tiere züchten. Qualität statt Quantität, damit der Wald sich erneuern kann.“ Jetzt kauft die Regierung den Menschen das Recht auf den Zugang zum Wald ab. „Wir bitten Sie, Kooperativen zu gründen, um die Viehzucht zu verbessern, um Honig zu gewinnen und damit gutes Geld zu verdienen. Wir organisieren die Waldarbeit und machen damit die Menschen zu den Wächtern des Waldes, denn sie verdienen durch ihn ihr Geld“, sagt Lhafi. Statt Feuerholz bekommen sie heute Sonnenenergie- oder Gasöfen gratis.

„Noch in den 80er Jahren galt es als ein Geschenk Gottes“, sagt Lhafi über das knappe Gut Wasser – „aber Wasser kann es nicht gratis geben. Eine Tomate besteht zu 80 Prozent aus Wasser. Warum sollen wir Wasser exportieren, wenn wir keins haben?“, fragt er. Je nach Region wird jetzt geprüft, ob mit dem Verbrauch von Wasser mehr im Tourismus oder mehr in der Landwirtschaft verdient werden kann.

„Die Bürger werden sich der Probleme bewusst. Der Staat baut Bürokratie ab, und die Zivilgesellschaft gewinnt an Boden. Das ist gut für die Demokratie. Und wenn Bauern nicht zu überzeugen sind, dann laden wir sie in eine Region ein, wo schon erfolgreich gearbeitet wird. Das wirkt.“ Erste Fortschritte gibt es auch im Kampf gegen die Wüstenbildung. Früher habe man versucht, Wanderdünen aufzuhalten. „Jetzt schauen wir, wo der Sand seine Reise beginnt. Dort bauen wir jetzt kleine Karrees, in die wir Tamarindenbäume pflanzen. Sie verhindern, dass der Sand sich in Bewegung setzt.“ In Zukunft sollen dabei auch Satellitenbilder helfen.

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