Martensteins Berlinale (6) : Big Mother is castrating you

Martin Schulz' Lieblingsfilme, das wichtige Filmthema Sex, eine Frauenarmee und die Auswirkungen auf den Brandenburg-Tourismus - Berlinale-Erlebnisse der besonderen Art.

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Naomi Amarger, Noemi Merlant und Martin Schulz am Montag beim Filmempfang in der SPD-Zentrale.
Naomi Amarger, Noemi Merlant und Martin Schulz am Montag beim Filmempfang in der SPD-Zentrale.Foto: imago/Mauersberger

Beim Filmempfang in der SPD-Zentrale war schwer was los, das hing aber nicht nur mit dem gezeigten Film zusammen. Martin Schulz trat auf, der gefühlte künftige Bundeskanzler. Er sagte schwer widerlegbare Sätze wie: „Wir müssen besser aufeinander achten“ oder „Wenn wir uns unterhaken, dann ist in unserer Gesellschaft niemand alleine.“ Die Leute mochten das. Schulz verriet aber auch seine drei Lieblingsfilme: „Aus einem deutschen Leben“, in dem Götz George den KZ-Kommandanten Rudolf Höß spielt, „Das Geisterhaus“ und „Armee im Schatten“, ein Klassiker aus dem Jahr 1969. Er spielt während der Besatzung Frankreichs durch die Nazis, im Zentrum steht eine Gruppe Widerstandskämpfer. Hauptthema ist, laut Schulz, die Frage, ob man Mitstreiter ausschalten darf, die zur Gefahr für die eigene Sache geworden sind. Was sozialdemokratische Kanzler betrifft, hat die SPD diese Frage stets mit „Ja“ beantwortet.

Seit jeher spielt nicht nur die Politik, sondern auch die Sexualität bei Berlinalen eine wichtige Rolle.

Sex ist auch ein wichtiges Thema

Von der SPD aus ging ich in „The Misandrists“ („Die Männerfeindinnen“), ein Werk des schwulen Kultregisseurs Bruce LaBruce. Eine lesbische Frauenkommune bereitet unter der strengen Leitung von Big Mother in einem brandenburgischen Gutshaus die feministische Revolution vor. Taucht ein Mann auf, rufen sie: „Er ist so abstoßend. Die sind Schweine. Gesegnet sei die Göttin, die uns nicht zum Mann gemacht hat.“ Eine Frau pflegt im Keller heimlich einen verletzten Jüngling, den die Polizei sucht. Big Mother kriegt Wind davon, es kommt zu einer extrem detaillierten Kastrationsszene in Großaufnahme und beträchtlicher Länge, ohne Betäubung. Dieser Film löst Dieter Kosslicks Versprechen ein: „Selten hat eine Berlinale die Situation so eindringlich in Bilder gefasst.“

Die Frauen bilden eine Guerilla-Armee, stürmen ein Kino und beginnen, alle Männer mit Skalpellen zu kastrieren. Der Film wirbt für Toleranz. Menschen, die einen Penis besitzen, aber von sich sagen, sie seien eine Frau, bleibt diese einschneidende Erfahrung nämlich erspart. Ich dachte die ganze Zeit: „Wenn wir uns unterhaken, ist niemand alleine.“ Für die brandenburgische Tourismuswerbung ist der Brandenburg-Film „The Misandrists“ meiner Meinung nach bedingt brauchbar.

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