Marty Kudelka : Tanzen wie Mr. Move

Choreograf Marty Kudelka machte Justin Timberlake berühmt. Jetzt lud er zum Workshop nach Marzahn.

Annette Kögel
kudelka
Der Meister und seine Schüler: Zum Schnuppertraining in Berlin reisten Jugendliche aus ganz Deutschland an. -Foto: David Heerde

Berlin - Die ganz große Nummer, mitten in Marzahn: Der Mann mit der grauen Schiebermütze und dem rot-braun karierten Hemd oben auf der Bühne arbeitet sonst mit Topstars wie Justin Timberlake, Jennifer Lopez, Mariah Carey und Pink. Er lässt sein Handgelenk kreisen, als ob das Gelenk aus Silikon bestünde. Er zersägt mit seinen angewinkelten Armen imaginäre Bambuswälder. Und er dreht sich aus dieser seitlich angedeuteten Umfallbewegung mit hoch erhobenem Kinn heraus: Das ist er, zweifelsohne, der Mann, der Justin Timberlake durch seinen Tanzstil groß gemacht hat. Jetzt absolviert Marty Kudelka seine Bewegungen vor rund 250 jungen Tänzern, und sie sind aus ganz Deutschland zum Workshop in die Halle nach Ostberlin gekommen – dank Mundpropaganda und Flyer-Werbung. Der 34-Jährige Choreograf kam von Los Angeles über den Atlantik zur „Star Moves Tour“ des Tanzchoreografen-Vermarktungsteams namens Urban Dance GmbH aus Stuttgart nach Berlin.

Teilnehmerin Anika Preuss, 21, ist mit Freunden im Auto extra von der Ostsee nach Marzahn gefahren. Kudelka kennt hier jeder. Er hat schon so viele Musikvideos und Filme choreografiert und seine Bands haben dafür so viele Auszeichnungen bekommen, dass sie kaum auf eine DIN-A4-Seite passen. Der gefühlte Altersdurchschnitt in der Halle ist 16, aber es gibt auch Grundschüler, eine Teilnehmerin könnte eine Mutter sein. „Freizeitforum Marzahn – Treffpunkt für Jung und Alt“, steht ja auch großstädtisch an der Wand. Alle hier tanzen nicht zum ersten Mal. Die anspruchsvollen Bewegungsfolgen prägen sie sich intuitiv ein – so was ist letztlich für die Musikvideoindustrie ein Problem. Handykameras haben deswegen Hallenverbot.

„Viele Jugendliche und Tanzlehrer kupfern die Choreografien einfach aus dem Fernsehen oder Internetkanälen wie Youtube ab“, sagt Szenekenner Dieter Schienhammer von Ballyhoo-Media aus Berlin. Deshalb erwerben die Künstler jetzt Copyrights für ihre Original choreografien und bieten sie Tanzschulen als Lizenzprodukte an. Was so was kostet? „Bei 30 Schülern im Kurs mit MP3-Kopien und Marketingartikeln für zwei Choreografien ungefähr 150 Euro“, sagt Harris Hodovic von der Urban Dance GmbH. Marty Kudelka bringt derweil seine „New Style Moves“ bei: „A one, a two, a three, a four.“ Damit jeder mal was sieht, wechseln die Reihen durch. Spiegel gibt es in der Halle nicht, das lenkt nur ab. „Wenn es warm wird, ist es das Auge des Nachbarn“, ruft sein Kollege Harris, selbst Tänzer, und bittet um mehr Abstand im Pulk.

Marty Kudelka wusste „schon als Kind in Texas, dass ich Tanzlehrer werden wollte“. Mit 14 ging er zur Tanzschule, 2001 mit wenigen Dollar in der Tasche nach Los Angeles. Zur rechten Zeit am rechten Ort, mit der richtigen Einstellung und ebensolchem Können. „Bei der letzten Deutschlandtournee von Justin konnte ich nicht mit“, sagt Kudelka lächelnd, „da musste ich den Papierkram für meinen Hauskauf in Los Angeles erledigen.“ Justin Timberlake lerne unglaublich schnell, erzählt Kudelka, der sich tageweise buchen lässt. Für das Video von „My Love“ habe Timberlake zwei Tage trainiert und zwei Tage nachbereitet. „Janet ist nicht so schnell, aber auch sehr ehrgeizig und gut“, sagt er über Janet Jackson. Die Sängerin Pink sei ebenso eine gute Freundin, „Justin war gerade bei meiner Hochzeit“. Das klingt bei Kudelka nicht eingebildet, Justin, der Ex von Schauspielerin Cameron Diaz, ist eben sein „Buddy“. Leute wie er wissen, dass Michael Jackson schon mal beim Tanzen gedoubelt oder Whitney Houstons Silhouette am Bildschirm nachträglich verändert wird.

Was Tanzen für ihn bedeutet? „Mein Leben, aber auch meine Arbeit.“ Das gleiche gilt für Björn Scheffler, 30, der mehrere Jahre als Geiger bei der Band „Rednex“ selbst in Musikvideos auftrat. Jetzt hat er die Marzahner Halle für die Starchoreografen-Tournee klargemacht. „In den USA kannst du als Tänzer im Fernsehen Geld verdienen“, sagt Scheffler, der vier Tanzschulen namens „Samuel’s Dance Hall“ in Deutschland betreibt. Hierzulande könne man nur als „Wirtschaftstänzer“ überleben, seine Truppe werde etwa vom Handyhersteller Nokia oder von Autofirmen für Neuwagenpräsentationen gebucht.

Anika aus Rostock hat die zehn Euro für den Kurs gern überwiesen, aber wäre nicht so begeistert, Gebühren für „Moves“, „Pops“ und „Slides“ zu bezahlen. Anika hat schon als Tanzlehrerin gearbeitet und lässt sich derzeit zur Sport- und Fitnesskauffrau ausbilden. Talente wie sie werden am Eingang zur Halle gleich von den Mitarbeiterinnen des Fernsehkanals Viva abgeworben, für die Show „Viva Life! Deine Performance“. Die Musik boomt, die Tänze boomen, die Castingshows auch.

Anika erholt sich nach dem Kurs im Auto. „Ich bin erst nach der Berufsschule nach Berlin gefahren und muss gleich wieder zurück, nächsten Morgen arbeiten.“ Diese Einstellung wird Marty Kudelka gefallen. Und damit, dass sie sich seine neuesten „Moves“ bei ihm abgeschaut hat, hat er kein Problem: „Das sehe ich inzwischen als Kompliment.“

Infos zu den Tanzworkshops:

www.whogotskillz.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar