Welt : Mast im Käfig

Zuchtbedingungen für Kaninchen sind fragwürdig – immer mehr Supermärkte leeren die Regale

Sarah Kramer

Berlin - Nach Rinderwahn, Schweine- und Geflügelpest hat es nun die Kaninchen erwischt: Es gibt einen neuen Fleischskandal. Wegen fragwürdiger Zuchtbedingungen haben nach dem Lebensmittelkonzern Rewe auch Edeka und Kaiser’s Tengelmann ihr komplettes Sortiment an Kaninchenfleisch aus den Märkten genommen. In Tausenden deutschen Supermärkten wie Penny oder Netto werden derzeit die Regale und Tiefkühltruhen geleert. Nach Schätzungen verbraucht jeder Deutsche durchschnittlich ein halbes Kilogramm Kaninchenfleisch pro Jahr.

Auslöser für die Rückholaktion sind Videoaufzeichnungen, die der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ zugespielt und von dieser an ausgewählte Lebensmittelkonzerne weitergeleitet wurden. Auf dem 45-minütigen Video ist zu sehen, unter welchen Bedingungen Mastkaninchen in sechs europäischen Betrieben gehalten werden: Gitter an Gitter in beengten Käfigen, die keinen Platz für Bewegung lassen. Viele der Kaninchen haben offene Stellen im Fell. „Die Tiere knabbern sich gegenseitig an“, sagt Markus Pfeuffer, Diplom-Agrarbiologe und Chef des Tierschutzprogramms bei „Vier Pfoten“. Zudem hätten viele der Tiere wegen der Kotausdünstungen verätzte Augen. „Eine artgerechte Haltung sieht anders aus“, sagt Pfeuffer. „Das ist Tierquälerei.“ Bei den im Video dokumentierten Betrieben könnten die Kaninchen entgegen ihrer Natur weder durch die Gegend hoppeln noch sich aufrichten. Die gefilmten Käfige seien kaum größer als ein DIN-A4-Blatt und im Schnitt höchstens 40 Zentimeter hoch.

Missstände, die Pfeuffers Organisation seit Jahren moniert – und daher von der Politik verbindliche Richtlinien für den kommerziellen Kaninchenhandel fordert. „Wir haben gerade wieder ein Schreiben an das zuständige Ministerium verfasst, in dem wir alternative Vorschläge zur Käfigmast machen“, sagt Pfeuffer. Zu denken sei etwa an Gruppenzucht oder die Haltung im Stall. Zudem kritisierte der Agrarbiologe den derzeitigen Stand bei der Auszeichnung von Kaninchenfleisch. „Der Verbraucher kann derzeit am Veterinärstempel erkennen, aus welchem Betrieb das Kaninchen stammt“, sagt Pfeuffer. „Die Zuchtbedingungen sind daraus nicht ersichtlich. Auch hier muss die Politik tätig werden.“

Beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) verweist man zunächst in der Angelegenheit auf fehlende wissenschaftliche Erkenntnisse. „Wir wissen zu wenig über die artgerechte Haltung von Kaninchen“, sagt die Referentin Tanja Thiele. Aus diesem Grund habe das Landwirtschaftsministerium Anfang des Jahres bei der Justus-Liebig-Universität in Gießen eine Studie in Auftrag gegeben. Darüber hinaus gebe es bei der Behörde aber auch Bemühungen, über den Europarat Empfehlungen für die Kaninchenhaltung festzuschreiben, wie sie bereits für Kälber und Rinder existierten. „Diese Empfehlungen wären verbindlich und müssten von den Ländern umgesetzt werden“, erklärt Thiele. „Unabhängig davon gelten in Deutschland das Tierschutzgesetz und die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung auch für Kaninchen.“

Nach dieser Verordnung müssen die Räumlichkeiten von Nutztieren „nach ihrer Bauweise, den verwendeten Materialien und ihrem Zustand so beschaffen sein, dass eine Verletzung oder sonstige Gefährdung der Gesundheit der Tiere so sicher ausgeschlossen wird, wie dies nach dem Stand der Technik möglich ist.“ Im Tierschutzgesetz heißt es zudem: „Jeder, der ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.“ Ob diese Regelungen in der Praxis eingehalten werden, müssen in Deutschland von den Bundesländern eingesetzte Amtsveterinäre überprüfen. Sie können Mastbetriebe schließen, wenn ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vorliegt.

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