Mathematik und Psychologie : Pius Heinz: Poker hat ein neues Gesicht

Der Kölner Pius Heinz und sein Erfolg beim Pokern – ein Lehrstück darüber, wie man mit Mathematik und Psychologie Weltmeister werden kann.

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Der Schüchterne und der Geldhaufen. Pius Heinz mit seinem Kapuzenpullover am Spieltisch.Weitere Bilder anzeigen
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09.11.2011 12:34Der Schüchterne und der Geldhaufen. Pius Heinz mit seinem Kapuzenpullover am Spieltisch.

Pius Heinz lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen. Die Hände in den Hosentaschen, eine weiße Kapuze auf dem Kopf, so lässig steht der 22 Jahre alte Kölner neben dem Pokertisch und wartet darauf, dass der Dealer die Karten auf den Tisch legt. Es sind nicht irgendwelche Karten, sondern die vielleicht entscheidenden. Begünstigen sie Heinz, dann ist er er Poker-Weltmeister und sein Gegner Martin Staszko aus Tschechien Zweiter. Ein paar Millionen US-Amerikaner schauen live vor dem Fernseher zu und auch in Deutschland fiebern ein paar Szenekundige vor dem Livestream im Internet mit. So entspannt wie Heinz sieht dabei wahrscheinlich keiner aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit voller Spannung deckt der Dealer die Gemeinschaftskarten auf. Auf der Hand hält Heinz ein Ass und einen König. Im Scherz nennen Pokerspieler dieses Blatt Anna Kurnikowa (AK): Sieht gut aus, aber gewinnt nie. In Wirklichkeit aber ist es eine starke Hand – Heinz wird damit am Mittwochmorgen mitteleuropäischer Zeit jedenfalls zum Weltmeister, dem ersten aus Deutschland überhaupt. Für einen Moment vergisst er seine Coolness und lässt sich in die Arme seiner Freunde und Fans auf der Tribüne des „Penn and Teller Theaters“ von Las Vegas fallen. Kurze Zeit später, beim Posieren mit den 8,7 Millionen Dollar Preisgeld, die in bar auf dem Tisch liegen, hat er seine weiße Kapuze längst wieder auf.

Welche Voraussetzungen er hat

Heinz ist der Prototyp eines Pokerprofis. Dazu gehören neben dem Hoodie, dem Kapuzenpullover, ein unterbrochenes Hochschulstudium (Wirtschaftspsychologie), jugendliche Unbekümmertheit und Erfolge im Online-Geschäft. Heinz spielt seit drei Jahren hauptsächlich im Internet Poker und konnte sich sein Studium damit mehr als gut finanzieren. Anders hätte er sich die Reise nach Las Vegas und die üppigen 10 000 Dollar Startgeld für das Turnier wohl kaum leisten können. Allerdings hatte Heinz die 10 000 Dollar nicht allein bezahlt: Wie so viele starke Spieler verkaufte er im Vorfeld Anteile an dem eventuell später gewonnenen Preisgeld. Diese Prozente werden in der Szene wie Aktien gehandelt. Wichtig ist die mentale Vorbereitung. „Ich habe versucht, mich nicht verrückt machen zu lassen und nicht so sehr darüber nachzudenken, was hier gerade vor sich geht. Dass es das größte Poker-Event der Welt ist, bei dem es so viel Geld zu gewinnen gibt. Ich habe versucht, all das auszublenden und mich einfach nur auf das Pokern an sich zu konzentrieren.“ So wirkt er auch, fast schüchtern, konzentriert, ruhig, überlegt. Und so schafft er es, am Schluss aus einem Rückstand heraus noch zu gewinnen. Dabei half ihm aber auch das FBI. „Pius hat sich in der Vorbereitung von einem FBI-Profiler coachen lassen“, verriet Mike Kleiß, Heinz’ Medientrainer. Die Mimik und Gestik des Gegners zu lesen – darin ist Heinz auch dank des Profilers enorm stark. „In der entscheidenden Phase des Finales, als nur noch der Pius und Martin Staszko am Tisch saßen, hat er eine Regung beim Tschechen, ein kleines Zucken im Mundwinkel beobachtet. Für ihn war das ein Zeichen, volles Risiko zu gehen. Danach war das Spiel gewonnen“, sagt Kleiß. In der Tat wurde Heinz ganz am Schluss offensiv und zwang den Gegner psychologisch in die Knie.

Wie ein Gewinner tickt

Poker ist für Profis kein Spiel, sondern Mathematik und Psychologie. Sie wollen dem Unwägbaren ein rationales Konzept entgegensetzen, mit ihrer Intelligenz eine Systematik schaffen, mit der sie das Chaos schlagen. Sie begrenzen streng ihre Verluste. Die Finanzindustrie lässt sich von erfolgreichen Spielern gerne beraten, um Anregungen dafür zu bekommen, wie man mit unwägbaren Situationen umgeht. Natürlich, ohne Glück lässt sich ein Teilnehmerfeld von 6865 Spielern wie in Heinz' Fall kaum besiegen. Ohne Können aber geht es auf keinen Fall.

Was das Entscheidende beim Poker ist

Poker ist eine nur schwer verifizierbare Mischung aus Zufall, Strategie und Geschick. Der englische Schriftsteller Anthony Holden beschreibt es in seinem Buch „Poker“: Professionelle Spieler würden ihr Geld dann einsetzen, wenn sie einen positiven Erwartungswert hätten, die Wahrscheinlichkeit also auf ihrer Seite ist. An einem Abend kann ein Anfänger den Weltmeister schlagen, bei einem Spiel über zehn Abende aber wird sich immer der Profi durchsetzen.

Woher der Boom kommt

Den ersten Pokerboom löste Chris Moneymaker aus, als er 2003 die World Series of Poker gewann. Der Buchhalter aus Tennessee hatte beim Online-Poker 39 Dollar eingezahlt und sich so mit viel Glück für die Weltmeisterschaft qualifziert. Der damalige Amateur hatte aus 39 Dollar 2,5 Millionen gemacht. Hatte Moneymaker sich noch gegen 838 Spieler durchgesetzt, so nahmen im Folgejahr schon über 2500 Spieler an der WM teil, im Jahr darauf waren es 5600. Online-Poker wuchs genauso rasant. Nach weiteren Wellen stagniert die Zahl der Spieler weltweit seit zwei Jahren oder ist sogar leicht rückläufig, auch in Deutschland.

Welche Folgen der deutsche Sieg hat

Kann Pius Heinz das Pokerfieber hierzulande neu entfachen? Die Anlagen dazu hat er eher nicht, Heinz ist eben kein Max Mustermann, sondern war schon vorher Profi. Einen vergleichbaren Fall aber gibt es: Der Däne Peter Eastgate gewann 2008 den Wettkampf, auch er war vorher bereits Teil der Szene. In Skandinavien bewirkte er dennoch einen neuerlichen Boom: Die Jugend wollte so cool und reich werden wie Eastgate. Poker hat es in der Folge bis heute bei vielen Zeitungen in die Sport-Berichterstattung geschafft.

Warum Poker als gefährlich gilt

Das Spielen um Geld, die Mischung aus Glück und Geschick, Poker hat hohes Suchtpotenzial, nicht zuletzt wegen der intellektuellen Herausforderung. Viele Investmentbanker spielen Poker, wobei ihnen das auch helfen kann, die Nerven zu bewahren.

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