Matratzenlager : "Im Bett kommt es auf zwei Dinge an"

Kein Witz: Ein Bett kann 60.000 Euro kosten. Tiefschlaf ist damit nicht garantiert. Sicher ist nur: Probeliegen auf einer Matratze sollte man niemals am Nachmittag. Ein Report.

Dorothea Sundergeld
„No Sleep“ hat die koreanisch-amerikanische Fotografin Hee Jin Kang ihre Bilder-Serie ausrangierter Matratzen in New York genannt, die im Mai als Buch im Kehrer-Verlag erscheint.
„No Sleep“ hat die koreanisch-amerikanische Fotografin Hee Jin Kang ihre Bilder-Serie ausrangierter Matratzen in New York genannt,...Foto: Hee Jin Kang/Kehrer Verlag

Ein Paar auf der Suche nach einem Ehebett. Der Verkäufer im Bettengeschäft verwirrt sie mit Fachausdrücken, Verarbeitungsdetails und Wahlmöglichkeiten, das Probeliegen auf dem „klassischen Horizontalensemble“ macht die Sache nicht besser. Ein anderes Paar legt sich dazu, es kommt zu ungewollten Einblicken ins Privatleben.

Der Loriot-Sketch ist über 30 Jahre alt, aber viel geändert hat sich seitdem eigentlich nicht. Nur, dass die Branche heute noch um einige Materialien, Forschungsergebnisse und Glaubensrichtungen reicher ist. 85 Prozent der Deutschen fühlen sich beim Matratzenkauf völlig überfordert oder schlecht beraten, fand das Webportal „Schlafkampagne“ in einer Kundenbefragung heraus. Verständlich: Bettenkauf ist unangenehm. Da liegen wir in Socken und schutzloser Horizontallage vor einem Fachverkäufer, der die Vorteile der siebenzonigen Viscoschaummatratze herunterbetet, während uns der Partner das T-Shirt lupft, um zu beurteilen, ob die Wirbelsäule in Seitenlage gut gestützt wird, Schultern und Becken tief genug einsinken. Merkt man den Unterschied zwischen sieben unterschiedlichen Härtezonen in einer Matratze? Und überhaupt: Kann man nach dem dritten Probeliegen noch sagen, ob die Unterlage mittelweich oder mittelhart ist?

„Im Bett kommt es auf zwei Dinge an“, informiert der Fachverkäufer: „Eine punktelastische Unterfederung, die die Wirbelsäule nachts entlastet, damit sich die Bandscheiben wieder ausdehnen und reichlich Flüssigkeit aus der Gewebeumgebung aufnehmen können. Und ein gutes Bettklima, das die Feuchtigkeit reguliert.“ Eine Matratze muss Nacht für Nacht etwa einen halben Liter Flüssigkeit aufnehmen – das erfordert eine gute Luftzirkulation, sonst besteht die Gefahr von Schimmelpilzbildung.

Soweit alles klar. Doch welcher Matratzentyp ist der beste? Taschenfederkern, Kaltschaum oder Latex? Und was liegt idealerweise darunter: ein einfacher Lattenrost oder die einzeln aufgehängte Flügelunterfederung? Garantieren Schafwolle und Rosshaar ein gutes Bettklima oder brauche ich die Allergikermatratze des Schweizer Herstellers Swissflex mit „speziell entwickeltem Bakterienschutzsystem, inspiriert vom Naturschwamm“? Schließlich verlieren wir pro Nacht etwa 1,5 Gramm Haare und Hautschuppen – genug Nahrung für Millionen Milben, die im Laufe ihres Lebens etwa das 200-fache ihres Eigengewichts an potenziell allergieauslösenden Exkrementen produzieren. Schon die Vorstellung davon kann Juckreiz verursachen. Und was ist von Viscoschaum und anderen Kollateralprodukten der Weltraumforschung zu halten?

Die Suche nach der perfekten Schlafstatt führt nach Schweden. Ein paar Autostunden von Stockholm entfernt, im bilderbuchhübschen Köping, werden die teuersten Matratzen der Welt hergestellt. Über Viscoschaum rümpft man hier nur die Nase – bei der Firma Hästens liegt das Geheimnis des erholsamen Schlafens traditionell in zehnfach gewundenen Stahlfedern, die in einzelne Stoffzylinder eingenäht in einem Rahmen aus astlosem Kiefernholz aufgehängt werden. Abgepolstert wird dieser Taschenfederkern mit diversen Schichten von Baumwolle, neuseeländischer Schafwolle und Rosshaar aus Argentinien. Das Ganze wird in blau-weiß karierte Bezüge eingenäht und auf eine zweite, festere Federkernunterlage gestellt, oben drauf kommt noch eine weiche Matratzenauflage.

Bei Doppelbetten können sogar zwei verschiedene Härtegrade in einer Matratze realisiert werden. Gut für Paare, die in unterschiedlichen Gewichtsklassen spielen, denn ein großer schwerer Mensch hat ganz andere Liegebedürfnisse als ein kleiner leichter.

„Boxspring-Betten“, bei denen zwei Federkernmatratzen übereinander liegen, sind im angelsächsischen Raum sehr verbreitet. In Deutschland, wo das System Lattenrost plus Kaltschaum- oder Latexmatratze über 50 Prozent Marktanteil hat, sind sie noch die Ausnahme. Einen Nachteil haben Boxpring-Betten: Sie sind teuer. Die Luxuslimousinen unter den Schlafstätten fangen bei 3500 Euro an, das teuerste Hästens-Modell, „Vividus“, mit handgezupftem Pferdeschweifhaar und Messingplakette mit dem Namen des Käufers, kostet 60 000 Euro. Nachfrage gibt es trotzdem: Die Wartezeit für ein Vividus-Modell liegt bei sechs Monaten.

Ist ein Boxspring-Bett besser als andere Liegesysteme? „Ob man sich für Taschenfederkern, Kaltschaummatratze oder Latex plus Unterfederung entscheidet, spielt keine Rolle“, sagt Dietmar Krause, Rückenspezialist vom Deutschen Grünen Kreuz für gesundheitliche Vorsorge. „Entscheidend ist: Schulter und Beckenbereich sollen in der Matratze einsinken, damit die Wirbelsäule gerade liegt. Sie darf aber nicht zu weich sein, damit der Körper sich nachts gut drehen kann.“

Letztendlich alles eine Frage des Gefühls. Und manchmal der Überzeugungen. Der österreichische Schlafforscher Günther W. Amann-Jennson ist gar kein Freund von Federkernen. Er hat mit Orthopäden ein ergonomisches Bettsystem entwickelt, das auf Metallelemente verzichtet, um mögliche Störungen durch elektromagnetische Felder zu vermeiden. „Samina“ besteht aus einem doppelten Eschenholz-Lamellenrost, einer dünnen Matratze aus 100 Prozent Naturkautschuk und einer Auflage aus Schafschurwolle für trockenwarmes Bettklima. Auch in den Samina-Werkstätten in Österreich wird alles von Hand gefertigt, unter Verwendung natürlicher Rohstoffe. Preis: ab 3000 Euro.

Es gibt günstigere Wege. „Gesund schlafen muss nicht teuer sein“, sagt Hans-Peter Brix von Stiftung Warentest. „Eine gute Matratze im Format 90x200 ist schon für 300 Euro zu haben. Edle Materialien oder aufwändiger Aufbau sind psychologische Wohlfühl-Faktoren, aber für das richtige Abstützen des Körpers sind sie nicht entscheidend.“ Die Stiftung Warentest hat immer wieder Schaumstoff-, Latex- und Federkernmatratzen getestet. Wie gut sie abschnitten, war eine Frage des Modells. Nur zwei Typen kamen grundsätzlich schlechter weg: Wasserbetten und Wasserkern-Matratzen haben aufgrund ihrer Luftundurchlässigkeit kein gutes Bettklima. Auch Viscoschaum fällt eher durch. Vor Jahren für die Raumfahrt entwickelt, wurde der Schaumstoff zunächst als Heilmittel gegen Rückenschmerzen empfohlen, denn er passt sich der Körperform des Schlafenden an. Der Nachteil: Viscoschaum wird bei niedrigen Temperaturen bretthart. Der Körper muss in einem kalten Schlafzimmer also erst einmal Energie aufwenden, um die Matratze auf Betriebstemperatur zu bringen. Und wenn wir uns umdrehen, circa 40 mal pro Nacht, landet das Gesicht auf einer unangenehm kalten Unterlage.

Matratzen sollte man übrigens immer nur morgens testen. Nachmittags ist dem Körper jede Gelegenheit zu entspannen so willkommen, dass sogar eine Matratze mit der Punktelastizität einer Europalette gemütlich wirkt. Dann kann es einem gehen wie Evelyn Hamann im Loriot-Sketch: Am Ende schläft sie ein, und Loriot verabschiedet sich vom Verkäufer mit den Worten „Meine Gattin nimmt nach dem Schlafen gern eine Tasse Tee.“

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