Matthies meint : Die Freiheit von Gas und Bremse

Deutschland und seine Verkehrsminister: Sie sind die größten Vorkämpfer der Freiheit, wie sie sie verstehen - mit Tempo 250 und Führerschein bis ins höchste Alter.

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Eine 84-jährige Frau sitzt am Steuer ihres Kleinwagens.
Eine 84-jährige Frau sitzt am Steuer ihres Kleinwagens.Foto: dpa

Jeder von uns kennt eine Tante Hilde oder einen Opa Egon, die die Hände einfach nicht vom Auto lassen können. Sie sind Mitte 80 oder älter, das Laufen klappt schon lange nicht mehr richtig, der Hals lässt sich kaum noch drehen, aber es gibt eine Entschuldigung: „Ich fahre mit dem Wagen nur noch zum Supermarkt, und die Strecke kenne ich ja.“

Vor gut einem Jahr hat es in Bad Säckingen zwei Tote und 27 Verletzte gegeben, weil ein 84-Jähriger, wie es immer so schön heißt, Gaspedal und Bremse verwechselt hat, was nach Jahrzehnten der Fahrroutine seltsam klingt. Aber wer weiß schon, was in so einem in Ehren ergrauten Kopf vorgeht?

Der Bundesverkehrsminister, unser Großmeister der ganz einsamen Entscheidungen, hat die greisen Autofahrer jetzt wieder seiner unverbrüchlichen Solidarität versichert: Mit ihm werde es keine Fahrtests für Rentner geben.

Wer nun mutmaßt, Herr Dobrindt habe bei solchen Erwägungen auch irgendwie die kommende Wahl im Blick, der irrt: Dobrindt hat ganz sicher die kommende Wahl im Blick. Denn natürlich kann eine Gesellschaft, die das Thema Demenz immer stärker in den Blick rückt, nicht ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Autofahren darüber schweigen, nur weil Jüngere, so das beliebte Totschlagsargument, mehr Unfälle bauen. Aber ob ältere Wähler wirklich so schlicht gestrickt sind?

Die Politik hat nicht mal vage Ideen zu dem Thema

Richtig ist natürlich auch, dass alte Menschen darum kämpfen müssen, am öffentlichen Leben teilnehmen zu können – und einkaufen können viele wirklich nur noch per Auto. Die Politik, die sich gegenwärtig dabei überschlägt, es radelnden Innenstadtbewohnern mittleren Alters mit Helm und Rucksack richtig nett zu machen, hat zur Lösung dieses Problems nicht mal eine vage Idee anzubieten. Außer eben: wegzusehen.

Natürlich sind drei oder vier Taxifahrten pro Woche unter dem Strich günstiger als das Halten und Unterhalten eines Autos. Aber wie soll man das jemandem erklären, der seit 50 Jahren eins vor der Tür zu stehen hat? Er fährt dann eben doch selbst, so lange er darf.

Typisch Deutschland: Seine Verkehrsminister sind allemal die größten Vorkämpfer der Freiheit, wie sie sie verstehen, mit Tempo 250 und Führerschein bis ins höchste Alter. Die anderen Länder der Welt sind da ein ganzes Stück weiter.

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