Matthies meint : Dramatisch langweiliges Wort

Als Zeitungsleser bekommt man diese Dramatik ja gar nicht so mit. „Breaking News“ heißt das angelsächsisch, einen adäquaten deutschen Begriff gibt es nicht recht, und innerhalb von Minuten füllten sich die Internetseiten von Flensburg bis ins Ostallgäu, sogar über die Grenzen nach Österreich und in die Schweiz: Das Wort des Jahres ist da!

Puh. Da ist es nun, aber es steht unscheinbar im Nachrichtenfoyer herum, weder bestellt noch abgeholt, und alle fragen sich: Hat in den letzten Monaten mal irgendjemand von „Rettungsroutine“ gehört, das Wort womöglich selbst benutzt?

Fürs Googeln ist es längst zu spät. Denn da gibt es bis Seite 22 nur neue Quellen, die uns mitteilen, es handele sich um das Wort des Jahres. Bei „Spiegel online“ haben sie im Archiv geforscht und bis 1975 zurück einen einzigen Beleg gefunden. Bitte, Kollegen, ich kann immerhin mit einer aktuellen Internet-Fundstelle aushelfen: „Die Verschüttung des Tastgewichts wird automatisch erkannt – es startet eine intelligente Rettungsroutine, die das Tastgewicht mit geringen Zugkräften befreit.“

Die Juroren meinen aber natürlich keine Tastgewichte, sondern den Euro und seine gescheiterten Staaten. Was sie fasziniert, ist die angeblich ungeheure Spannung zwischen dem dramatischen Vorgang der Rettung und dem langweiligen der Routine – sie haben also eigentlich einen Vorgang gewählt, das murmeltierhaft wiederkehrende Euro-Retten, und das Wort dazu hat sich dann irgendwo gefunden. Na gut. Was war gleich das Wort des Jahres ...?

Hier die Silbermedaille: Kanzlerpräsidentin. Könnte auch Präsidialkanzlerin heißen, das ist wohl mehr zufällig ausgesucht und klingt leicht nach Leitartikel: Die Merkel, und wie sie sich das Land untertan macht als alternativlose Sonnenkönigin, die sich als Büroleiterin ihrer Bürger tarnt.

Bronze: „Bildungsabwendungsprämie“, gelobt als gelungener Kampfbegriff der Gegner des Betreuungsgeldes. Und auch hier werden wir uns rückblickend bald fragen: Was war das doch gleich? Außer natürlich, der Begriff kehrt im Januar als „Unwort des Jahres“ zurück, was ja nicht völlig auszuschließen ist.

Was bleibt von derlei Wahlen? Ganz sicher: der Wutbürger (2010). Zumindest, so lange er Grund zur Wut hat. Aber in dieser Beziehung müssen wir uns vermutlich keinerlei Sorgen machen: Gegen ihn hilft auf Dauer auch keine Rettungsroutine.

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