Matthies meint : "Kaminwurzerl nach Art einer Kaminwurzen"

Beim Essen blickt so langsam keiner mehr durch. Das Grundproblem ist: Es gibt zu viel Fabrikessen.

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Fleischfreunde, Vegetarier, Veganer und Frutarier hauen mit der Moralkeule aufeinander ein.
Fleischfreunde, Vegetarier, Veganer und Frutarier hauen mit der Moralkeule aufeinander ein.Foto: dpa

Noch nie war Essen so kompliziert. Fleischfreunde, Vegetarier, Veganer und Frutarier hauen mit der Moralkeule aufeinander ein, und hinter ihnen erhebt sich wie ein Schubidubidu-Chor die wachsende Masse der Gluten-Empfindlichen, der Kuhmilch-Feinde und Putativ-Allergiker, denen der Lebensmittelhandel kleine Kathedralen absonderlicher Nahrungsmittel hinstellt. Langjährig bestehende Tischrunden sollen bereits daran zerbrochen sein, dass es praktisch kein bekanntes Gericht mehr gibt, das mehr als fünf deutsche Esser gleichzeitig ohne Probleme vertragen.
Aber es ist natürlich auch nicht so, dass der Handel es den Kunden einfach macht. Der bessere Supermarkt hat an seinen Einkaufswagen zumindest eine Lupe installiert, damit das Kleingedruckte mit den vielen E überhaupt lesbar ist – ein Schritt, für den wir ihm nicht genug danken können. Aber es bleibt dennoch kompliziert. Finden wir im Regal beispielsweise "Kaminwurzerl nach Art einer Kaminwurzen", dann ist allenfalls noch erkennbar, dass es sich um ein Fleischprodukt handelt, und dass wir das Resultat eines gewaltigen Kampfes um den Schutz einer Ursprungsbezeichnung vor uns haben, den keine Sau mehr versteht.


Aber auch Puten und Hühner blicken längst nicht mehr durch. Wenn jetzt nämlich bei Edeka "Mini-Gemüse-Nuggets mit Geflügelfleisch nach Art einer Gemüsefrikadelle" im Kühlregal liegen, womöglich auch noch in der Vegetarier-Ecke, dann lässt sich dieses Produkt nur mühsam als Imitat eines Imitats interpretieren. Da haben sie in der Fabrik an den Gemüseklopsen gesessen, es hat immer noch gekrümelt wie verrückt, und dann hat einer gestöhnt: "Am besten, wir machen wieder Fleisch rein in die verdammten Dinger." So geschah es, und nun transportiert das Internet die Verwunderung eines Kunden über diesen lebensmitteltechnischen Fallrückzieher um die Welt.
Das Grundproblem ist vermutlich: überhaupt zu viel Fabrikessen. Neulich hat sich sogar Sarah Wiener darüber aufgeregt, dass Seitan-Pute und Soja-Burger als gute Ernährung gelten, obwohl es sich in Wirklichkeit um hochgradig industriell hergestellte Ersatzstoffe handelt; manche Leute glauben vermutlich sogar, Sojamilch fließe aus der Sojapflanze wie Kuhmilch aus der Kuh. Und wieder andere mästen sich im Kino mit Popcorn, Tacos und Cola und sagen: Wir sind Vegetarier. Dagegen hilft nur eine Kaminwurzen – nach Art einer Kaminwurzen.

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