Matthies meint : Schweine, Bären, Katastrophen

Wort des Jahres: Klimakatastrophe. Eine Überraschung ist das nicht, die Wahl war ungefähr so vorhersagbar wie der negative Saldo, der allemal unten rechts steht, wenn wir mal wieder einen Kontoauszug geschickt bekommen. Immerhin rückt die Sprachgesellschaftsjury die Dinge in die richtige Balance: 2006, als das Klima ja nach übereinstimmender Ansicht von Professor Schellnhuber nicht weniger katastrophal war, gewann die „Fanmeile“. Fußball regiert eben doch die Welt, das ist ja kaum zu bestreiten. Oder zweifelt hier jemand daran, dass zu Schalke gegen Borussia auch nach dem Weltuntergang immer noch 70 000 Zuschauer kommen?

Die richtig schönen Wörter schaffen es nie ganz nach oben. Hier ist ein aktuelles: Schweinebär. Das geistert zwar ebenso wie der verwandte Mausebär schon lange durch die deutschen Intimzonen, aber in der politischen Auseinandersetzung, offen angewendet mit kritischem Unterton, ist es neu. Gewagt hat es Ludwig Stiegler, eine Art CSU- Generalsekretär mit SPD-Parteibuch, in einem Radiointerview – er meint damit Unternehmer, die eventuell versuchen werden, den Post-Mindestlohn zu unterlaufen.

Schweinebär. Woher kommt so was? Ich vermute, dass Stiegler die betreffenden Unternehmer tief drinnen im demokratischsozialistischen Herzen für Schweine hält, aber im letzten Moment noch die Selbstzensurkurve gekriegt hat: Schweine…bären. Verblüffend, wie die flinke Kopplung des aggressiv gemeinten Schweins mit dem knuthaft tapsigen Bären den Druck aus Stieglers Rede nimmt und den Turbokapitalisten zum knuddligen Profit-Petz macht!

Einen Schweinebären, ja, den könnten wir uns schon vorstellen beim Sauigeln am Mindestlohn – aber nie beim Weltunterjochen. Er kommt nur viel zu spät. Denn wenn Karl Marx sein Hauptwerk nicht „Das Kapital“, sondern harmlos „Das Schweinebärensystem“ genannt hätte, wären der Welt allerhand verheerende Versuche erspart geblieben, aus diesem Werk politische Konsequenzen zu ziehen.

Um noch einmal auf die Klimakatastrophe zurückzukommen: Die ist bekanntlich zu stoppen, wenn wir Deutschen heute Abend für fünf Minuten alle ganz doll das Licht ausschalten. Wer nicht mitmacht, ist kein Schweinebär, sondern ein Schweinehund, schlimmer: ein Klima-Schweinehund. Wir setzen das Wort schon mal prophylaktisch auf die Liste für 2008, ja?

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