Matthies meint : Wie Bolivien den Schlaganfall abschafft

Bolivien verbietet Salzstreuer in Restaurants - wegen des Bluthochdrucks. Was für ein starker Staat - nach dem ja auch bei uns wieder alle rufen.

von
Bislang belegt keine Studie den Zusammenhang zwischen Salzkonsum und Bluthochdruck auch nur ansatzweise.
Bislang belegt keine Studie den Zusammenhang zwischen Salzkonsum und Bluthochdruck auch nur ansatzweise.Foto: picture alliance / dpa

Im Grunde ist das Thema ein ganz alter Hut. Als Eckart Witzigmann einst gefragt wurde, warum er auf seinen Tischen im "Tantris" keine Salzstreuer dulde, antwortete er: "Wenn Sie sich einen Picasso kaufen, malen Sie ja hinterher auch keine Blümchen drauf." Seitdem sind Salzstreuer zu einem guten Warnzeichen für schlechte Küche geworden und haben eigentlich nur in Gasthäusern und Kantinen überlebt.
Überlebt hat allerdings auch der Gewohnheits-Salzer: Kaum steht der Teller vor ihm, streut er besinnungslos obendrüber, ohne überhaupt zu probieren. Seine Sache? Oh, nein. Er schädigt sich, das ist medizinisches Volkswissen, sein Blutdruck schnellt in die Höhe, erreicht phänomenale Höhen, Schlaganfall, Leid und früher Tod inbegriffen.


Da können Politiker nicht widerstehen, jedenfalls solche nicht, die Politik als Perfektionierung des real existierenden Menschen begreifen und für die Probleme nur Anzeichen fehlender Gesetze sind. Deshalb sollen nun in den Gasthäusern Boliviens die Salzstreuer verboten werden. Das ist ein ziemlich drastischer Eingriff in die Geschmacksfreiheit – in Europa machen wir so etwas eleganter und erheben Steuern wie die Dänen, die 2011 eine Sonderabgabe auf Butter ausprobiert haben; die allerdings wurde ein Jahr später wegen erwiesener Dussligkeit wieder abgeschafft. Und, weil sich die wissenschaftlich herrschende Meinung über Butter mal wieder gedreht hatte. Das ist beim Salz nicht anders: Unser notorischer Ess-Experte Udo Pollmer weist unermüdlich darauf hin, dass bislang keine Studie den Hochdruck-Zusammenhang auch nur ansatzweise belegt.
Nun ist das Problem auch, dass sich unzählige Bolivianer zu Hause versorgen, wo der Staat keinen Zugriff aufs Salzfass hat. Und es ist noch offen, was wohl passiert, wenn der Gast einfach mitgebrachtes Salz verstreut und womöglich auch anderen Gästen anbietet. Bußgeld? Lokalverbot? Panflötenkonzert? Wenn man so etwas zielgerichtet weiterdenkt, ist man rasch in Nordkorea, wo die Regierung den Bluthochdruck effektiv durch Nahrungsmangel bekämpft, ohne groß drüber zu reden.
Wäre es so besser? Grad rufen wieder mal alle nach dem starken Staat, klar, denn die stärksten Staaten, die wir bisher hatten in Deutschland, liegen lange genug zurück, da kann man schon ein bisschen nostalgisch werden. Also werden ein oder zwei Parteien das mit dem Salz zur nächsten Bundestagswahl auch mal versuchen. Und damit bitte scheitern.

7 Kommentare

Neuester Kommentar