Maultaschen-Fall : Geklaut, gefeuert, geklagt – verloren

Das Gericht bestätigt die Kündigung einer 58-Jährigen wegen sechs gestohlener Maultaschen. Die Kritiker monieren: Das ist ein Schandurteil.

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Nach 17 Jahren Betriebszugehörigkeit hat die Mitnahme von übrig gebliebenen Maultaschen eine Altenpflegerin ihren Job gekostet. -Foto: dpa

RadolfzellHand aufs Herz: Wer hat nicht schon einmal im Büro einen Kuli oder in der Werkstatt einen Schraubenzieher mitgenommen? „Fällt sowieso nicht auf“, mag manch ein Mitarbeiter besonders in großen Firmen denken. „Das machen die anderen ja auch.“

Dass solch mangelndes Unrechtsbewusstsein schwerwiegende Folgen haben kann, hat eine 58-jährige Altenpflegerin in Konstanz erfahren. Sie ist ihren Job los, weil sie von der Verpflegung für die Bewohner des Seniorenheims sechs Maultaschen im Wert von drei bis vier Euro eingesteckt hat. Das Arbeitsgericht in Radolfzell am Bodensee hat die fristlose Kündigung, die ihr die Heimbetreiberin, die Konstanzer Spitalstiftung, wegen Diebstahls präsentiert hatte, am Freitag für rechtens erklärt.

Die Frau dürfte nur schwer eine neue Stelle finden und steht zudem mit leeren Händen da. Einen Vergleichsvorschlag des Gerichts hatte sie zuvor abgelehnt. Der sah eine Abfindung von 25 000 Euro vor, wenn sie den Rauswurf vom 30. April akzeptiert. Doch die Pflegerin wollte sich nicht kampflos geschlagen geben, klagte – und verlor.

Der Streit über die gefüllten Teigtaschen – eine Spezialität der Küche Baden-Württembergs – ist das vorerst letzte Kapitel einer ganzen Serie vermeintlicher Bagatelldiebstähle, die seit Monaten die Emotionen in der Öffentlichkeit hochkochen lassen. Manche fragen sich, was der Diebstahl einer Maultasche ist verglichen mit den Millionen-Boni, die selbst erfolglose Manager sogar in Zeiten der Wirtschaftskrise noch einsacken.

Dass ein Rauswurf wegen einer Lappalie empörend wirken kann, versteht selbst der Vertreter der Spitalstiftung, Georg Jauch. Dennoch kommt es nach seiner Ansicht nicht auf den Wert einer gestohlenen Ware an, sondern auf die „Unehrlichkeit und Illoyalität“ – „der Vertrauensverlust ist maßgeblich“. Völlig anders liege der Fall, wenn sich ein Manager mit dem ihm zur Verfügung stehenden Kapital vertue. „Er hat nicht in Eigentumsrechte seines Arbeitgebers eingegriffen.“ Dagegen äußerte der Anwalt der 58-Jährigen, Klaus Staudacher, den Verdacht, der Arbeitgeber wolle ältere und teurere Mitarbeiter loswerden. Eine entsprechende Bemerkung sei wohl im Heim gefallen, nur habe er die nicht beweisen können. „Man hat einen Grund gefunden und ist auf den Zug aufgesprungen“, mutmaßte der Jurist.

Dass der Klau von Kleinigkeiten Chefs willkommenen Vorwand liefern kann, um unliebsame Beschäftigte zu feuern, glaubt auch Verdi-Bezirksleiter Berthold Maier. Er sprach von einem „Schandurteil“, das menschenverachtend sei. Die Justiz zeige mit solchen Urteilen, „dass sie den Bezug zur Lebenswirklichkeit in den Betrieben verloren hat“.

Arbeitsrichterin Sabine Adam folgte mit ihrem Urteil der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts. Die sieht für Diebstähle in der Firma die fristlose Kündigung vor, wenn die näheren Umstände geprüft worden sind. Und die sprachen nach Adams Ansicht nicht für die Pflegerin. Die hatte behauptet, die übrig gebliebenen Maultaschen wären ohnehin in den Müll gewandert. Auch hatte sie erzählt, sie habe die Maultaschen im Heim verzehren wollen, um sich nach Dienstende für eine abendliche Fortbildung zu stärken.

Die Richterin glaubte aber der Gegenseite, die berichtet hatte, die 58-Jährige habe die Essensreste in einer Tasche versteckt mit nach Hause nehmen wollen. Dabei habe der Arbeitgeber ausdrücklich verboten, sich an dem Essen der Heimbewohner zu bedienen. Und die Pflegerin habe diese Vorschrift gekannt, argumentierte die Richterin. (dpa)

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