Welt : Mecklenburg-Vorpommern: Wechselbäder an der Küste

Hermann Rudolph

Wer das Land hat, muss für den Spott nicht mehr sorgen. Das boshafte Bismarck-Wort, dass in Mecklenburg selbst der Weltuntergang hundert Jahre später stattfindet, fällt auch dem schlichtesten Autor ein, und wie der Pommer im Winter ist, weiß, des einprägsamen Reimes wegen, auch jeder: noch dümmer als im Sommer. Da darf man schon etwas erstaunt sein, dass die Debatte im Schweriner Landtag nicht handfeste Dinge zum Gegenstand hat, die Landwirtschaft etwa, die doch zum Lande passt, oder den stets Not leidenden Schiffbau. Es geht an diesem Morgen um nichts Geringeres als das eben ausgerufenen BioCon Valley Mecklenburg-Vorpommern, eine Bündelung biotechnologischer Forschungsinstitute und Firmen. Mit norddeutsch scharfen Konsonanten erklärt Ministerpräsident Harald Ringstorff, der Zukunftsbegriff solle zu einem Markenzeichen für das Land werden.

Da muss man dann, um das Bild gehörig zu kolorieren, nur noch hinzufügen, dass der Landtag im Schweriner Schloss tagt. Das ist ein Neunzehnter-JahrhundertTraum, an dem allerdings etliche Jahrhunderte mitgeträumt und -gebaut haben; es hat deshalb auch eine kleine Schlagseite in Richtung Neuschwanstein. Es liegt mit seiner goldglänzenden Kuppel in der Fluchtlinie der - was sonst - Schlossstraße, die von säulenbewehrten weißen Palais-Bauten flankiert wird, die, selbstverständlich, Regierungsgebäude sind. So viel zu dem Umfeld, dem noch immer Residenzhaften, dem Großherzoglichen, in dem sich die Politik in Mecklenburg-Vorpommern niedergelassen hat. Die Opposition findet übrigens, dass die Debatte von wichtigeren Themen ablenke, zum Beispiel den Verkehrsproblemen. Eine der hochgelobten Zukunftsfirmen, die sich mitten im Lande, in Teterow, angesiedelt hat, habe deshalb schon Teile der Verwaltung und des Verkaufs nach Hamburg verlegt.

Das spröde Lob des Landes

Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Die Firma, einer der begehrten Biotech-Produzenten, denkt nur daran, in Hamburg ein Büro zu mieten, um dort ihr Business Development anzusiedeln. Aber genügend andere Probleme hat Mecklenburg-Vorpommern in der Tat. Die Arbeitslosigkeit ist anhaltend hoch, gegenwärtig, letzter Stand 18,1 Prozent, die Wirtschaft findet aus ihrer Strukturkrise nicht heraus, und selbst die Freude über den Spitzenplatz, den das Land bei den Zuwachsraten für das Bruttoinlandsprodukt unter den neuen Ländern hält, wird getrübt durch den Umstand, dass sie eine Steigerung auf einem extrem niedrigen Niveau ist. Nur beim Tourismus ist das Land wirklich Spitze: Um 17,6 Prozent nahm die Zahl der Übernachtungen im vergangenen Jahr zu.

Mecklenburg-Vorpommern: ein Land groß, schön und arm? So sagt es Ingo Richter, im Herbst 1989 Aktivist in der Bürgerbewegung, heute Chef der Rostocker Universitäts- Kinderklinik, die er mit viel Liebe - und eifrig eingeworbenen Spenden - zu einem Schmuckstück gemacht hat. So ungefähr, in fast den gleichen Worten, sagen es alle, als wollten sie die gängigen Urteile über das Land an der Küste bekräftigen. Aber die karge Formel verbirgt doch nur das spröde, eben mecklenburgische Lob des Landes. Gottfried Timm, der forsche Innenminister, der im Landtagshandbuch als Beruf neben dem Pastor auch noch selbstbewusst den in der DDR-Oberschule erworbenen Baufacharbeiter angibt, nennt es "ein unheimlich schönes Flächenland". Berndt Seite, in sechs der zehn Jahre des wiedererstandenen MecklenburgVorpommern Ministerpräsident, heute CDUAbgeordneter, wirft einen langen Blick auf den See, der den Landtag umgibt, und sagt: "Man kann den Leuten im Westen nur raten, einmal herzukommen."

Vier Jahrzehnte, seit der DDR-Verwaltungsreform 1952, war dieses Mecklenburg ins Folkloristische zurückgedrängt - etwas "Schlösser und Katen", als Inbegriff der Rückständigkeit, der nun abgeholfen werden sollte, Fritz Reuter, der plattdeutsche Dichter, Meer- und Wind-Poesie, Seemansgarn, alles Beiwerk zur Umgestaltung des Landes in die angestrebte sozialistische Industrie- und Urlaubsregion. Noch schlimmer erging es Vorpommern, dem anderen, kleineren Teil des Bundesstrichlandes. Zwei Jahre, von 1945 bis 1947, durfte es im Namen des Landes erscheinen, dann wurde es auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht gestrichen. Es sollte nichts daran erinnern, dass der größere Teil Pommerns an Polen gefallen war. Seither wurde Pommern totgeschwiegen, und Pommerns Landeskirche musste sich Landeskirche Greifswald nennen.

Was die Rückkehr Mecklenburg-Vorpommerns aus der administrativen Verbannung in den DDR-Bezirken angeht - sie hießen Schwerin, Rostock und Neubrandenburg -, so hatte Bismarck mit seinem Spott doch noch einmal Recht, freilich nur ein bisschen. Erst zwei Wochen nach Leipzig, Dresden und Berlin fanden die ersten Demonstrationen statt. "Es dauert länger, bis sich norddeutsche Menschen begeistern", erklärte Joachim Gauck seine Landsleute, der damals Kopf, vor allem aber aufrüttelnde Stimme des Aufbaus in Rostock war. Dann dachte erst einmal Vorpommern an ein eigenes Bundesland, und im Westen sah Schleswig-Hosteins Regierungschef Björn Engholm den großen Nordstaat am Horizont aufziehen. Außerdem stritten Schwerin und Rostock, wer Hauptstadt des künftigen Landes werden sollte.

Die Vorpommern-Frage schwelt noch heute und lädt ein zu Mutmaßungen über die Bindekraft des Bindestrichs im Bindestrichland. Es ist eine alte Geschichte unter dem ruhigen Bild des Landes, die da rumort. Denn Mecklenburg und Vorpommern haben immer in verschiedene Richtungen geschaut, Mecklenburg nach Hamburg, Pommern nach Osten, nach Stettin - falls nicht, als preußische Provinz seit 1806, nach Berlin. Mecklenburg ist stolz auf seine politische Kontinuität, 1995 beging man die Tausend-Jahr-Feier, und der geharnischte Reiter, der im Schlossportal auf Schwerin zureitet, heißt Niklot, ein Slawenfürst aus halb-legendärer Vorzeit, auf den die mecklenburgischen Herzöge ihre Herrschaftslinie zurückführten. Pommern dagegen stand unter wechselnden Herren.

Trennt die alte Scheidelinie noch? Nährt sie nur das Vergnügen am Sich-Unterscheiden? Berndt Seite ist sicher: "Um ein Haar hätten wir ein Land Vorpommern bekommen." Der frühere Chef seiner Staatskanzlei, Thomas de Maizière, glaubt eher an einen "gepflegten Minderwertigkeitskomplex". Aber Mecklenburg zum Beispiel neigt eher der SPD zu, Vorpommern dagegen der CDU. Als bei der Kommunalreform 1993 Landkreise geschaffen wurden, die die alten Grenzen überschritten, gab es heftige Proteste, und ein Politiker, der nicht genannt sein will, hält diese Lösung auch heute noch für falsch.

Der Rest der Probleme des Landes ist ein Erbe der jüngsten vierzig Jahre. Abgeschnitten von den Werften und Häfen im Westen, stampfte die DDR eine Hafen- und Werftindustrie aus dem Boden. Das Verhältnis der Mecklenburger dazu ist noch immer zwiespältig: Einerseits sahen sie es ganz gern, weil ihnen alles Maritime lieb und wert ist, andererseits schreckte sie der gewaltsame Zug ab, mit dem da Plattensiedlungen in Stadtgröße an den Rand der alten Hansestädte geklotzt wurden. Überdies sollte Rostock - mit dem notorisch rüden Bezirks-Sekretär Harry Tisch an der Spitze -, sozialistischer Parade-Bezirk werden. Vielleicht kostete das Rostock nach der Wende die Hauptstadt. Und die "künstliche Industrialisierung" - wie Timm die DDR-Anstrengungen mit deutlicher Distanz nennt - fiel den Mecklenburgern nach der Wende auf die Füße. "Wir haben", sagt Timm, "den Zusammenbruch der Industrie krasser erlebt als andere."

Empfindsame Empfehlungen

In gewissem Maße hängt damit auch noch das Ereignis zusammen, das für das Land offenbar das Trauma des letzten Jahrzehnts bildet. Es heißt "Vulkan". Man muss das damit verbundene Drama heute, fünf Jahre danach, wo der Schiffbau dank des Engagements der skandinavischen Kvaerner-Gruppe als gesichert gilt, schon ausdrücklich in Erinnerung rufen. Es meint die Umleitung der für die ostdeutschen Werften vorgesehenen Fördergelder von 850 Millionen Mark in das Bremer Mutterunternehmen. Als "geradezu pervers" empfindet Seite das noch heute. Ohnedies stecke der "brutale Zusammenbruch des Schiffbaus" noch tief in der Seele der Menschen, glaubt Ingo Richter. Zumal bei "Vulkan" sei "viel Porzellan zerschlagen worden" - im Verhältnis von West- und Ostdeutschen, aber auch zwischen Rostock und Bremen. Dabei seien die sich doch als Hansestädte sogleich nahe gekommen.

Hat Mecklenburg-Vorpommern mit seiner Wiedererrichtung also wieder zu sich selbst gefunden? Es ist "wieder bewusst geworden, was ein Land prägt", sagt Heinrich Rathke. Der frühere Landesbischof, der vor Jahren kurz ins politische Rampenlicht geriet, weil er den damaligen Bundeskanzler Schmidt im gespenstischen, stasi-besetzten Güstrow in der Marienkirche zu begrüßen hatte, hat in einer Kleinstadt nahe Schwerin miterlebt, wie die blau-gelb-roten Farben Mecklenburgs wiederkehrten. Wenn er heute durch das Land fährt, das er als Bischof zu DDR-Zeiten intensiv bereist hat - jetzt auf "erstaunlich guten Straßen, Gott sei Dank hat man die Alleenbäume stehen lassen" -, empfindet er nichts als Genugtuung. Aber ein Wechselbad ist es auch: "In dem einen Dorf ist alles wunderschön wiedererstanden, im anderen ist es immer noch relativ trostlos." Die Küste mit ihren Seebädern boomt, aber beispielsweise Kreise wie Demmin oder Uecker-Randow im Osten des Landes hängen hoffnungslos hinterher.

Aber Wechselbäder hat es auch sonst reichlich gegeben. Kaum war das Land wiedererstanden, gelangte es mit den rechtsradikalen Exzessen in Rostock zu trauriger Bekanntheit. Der Streit um die A 20, die Autobahn, die Mecklenburg und Vorpommern als große Querspange verbinden soll, entzweite das Land. Vor zwei Jahren dann der Tabu- Bruch der ersten Koalition von SPD und PDS. An ihr scheiden sich die Geister nach wie vor, obwohl sich die Landesregierung von den Umfrage-Ergebnissen bestätigt sehen kann. Aber die SED-Nachfolgepartei als (mit-)regierende Partei bleibt doch für viele schwer hinzunehmen - auch wenn die PDS sich unauffällig benimmt und Helmut Holter, Ringstorffs Partner, auf der Regierungsbank nur dadurch auffällt, dass er den modischen gedeckten Schlips zum dunklen Hemd trägt.

Mecklenburg-Vorpommern sei besser als sein Ruf, wirbt Thomas de Maizière für das Land, inzwischen in der Dresdner Landesregierung. Aber ist sein Ruf denn so schlecht? An empfindsamen Empfehlungen für das Land ist kein Mangel. Kein anderes Land wirft auch einen vergleichbaren literarischen Schatten - von Walter Kempowskis Wie-isses-nur-möglich-Rostock bis zu Uwe Johnson, der seinen hohen Himmel, seine Seen und Hügel in die deutsche Literatur hineingeschrieben hat. Es kann auch nicht mehr lange dauern, bis entdeckt wird, dass Jan Ullrich ein Rostocker ist. Aber kein anderes Land hielt es für angebracht, für seine Image-Werbung den Slogan zu wählen: "Und überhaupt ist bei uns manches anders, als man denkt."

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