Medien : Internet-TV für "Generation Online"

"Ich gucke Zeitung" heißt es immer öfter - viele Verlage haben Videos zum festen Bestandteil ihres Internet-Auftritts gemacht.

Jürgen Hein[dpa]
Internet-TV
Bewegte Bilder im Netz.Foto: Michael Kappeler (ddp)

Düsseldorf - Tim Kemmerling korrigiert noch eine Moderation, dann geht er ins Studio, streift sich das Jackett über, und schon geht der Scheinwerfer an. "Etwas weiter nach links", ruft Julia Lutz, die am Computerschirm Regie führt. Kemmerling schaut in die Kamera und sagt die neusten Nachrichten aus Köln an, die dann im Film zu sehen sind. Alles sieht aus wie herkömmliches Fernsehen - ist es aber nicht. Kemmerling und die Beiträge seines Teams laufen nur online, auf "KSTA.TV", dem Internet-Fernsehen des "Kölner Stadt-Anzeigers".

 Bewegte Bilder sollen die "Generation Online" zur guten alten Zeitung locken. "Die Möglichkeit, diese Zielgruppe allein mit Print zu erreichen, wird sich im Lauf der Jahre verschlechtern", sagt der Journalistik-Professor Günther Rager von der Universität Dortmund. Die Modelle sind unterschiedlich. Einige bieten nur Videos an, die sie von Agenturen beziehen, andere produzieren auch eigene Beiträge und manche stellen gar moderierte Magazine zum Herunterladen online. Der Springer-Konzern gründete zum Beispiel die Tochter Axel Springer Digital TV (ASDTV), die vor allem für das Internet produziert. "ASDTV ist nach wie vor für Axel Springer eine Art Experiment  aber ein bislang sehr vielversprechendes", sagt Vorstandschef Mathias Döpfner.

   Auch der Medienkonzern M. DuMont Schauberg (MDS) produziert selbst, zum Beispiel die Talkshow "Streit im Turm". Zeitung und Internet-TV ergänzten einander, meint Franz Sommerfeld, Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeigers": "Wer nur am Austausch der Auffassungen interessiert ist, der liest das in der Zeitung. Wer aber etwas von der Atmosphäre beim Streitgespräch mitbekommen will, guckt es sich im Internet an."

   Das gilt auch für Themen aus Köln und Umgebung. Freie Mitarbeiter filmen, schneiden und sprechen die Videos. "Im Regionalen haben wir eine große Kompetenz, damit punkten wir auch im Internet", sagt MDS-Geschäftsführer Konstantin Neven DuMont. Im Print-Bereich wachsen die Werbeerlöse nicht so stark wie im Internet. "Mit dem Internet-TV wollen wir den Usern wie auch den Anzeigenkunden zeigen: Wir sind dabei", sagt Neven DuMont.

   Die Verlage müssten ihre Videos sorgfältig auswählen, mahnt Rager: "Es besteht die Gefahr, dass sie sich auf ein Geschäft einlassen, in dem sie weniger gut sind als in ihrem Hauptgeschäft, und dass sie damit ihr Vertrauenskapital ankratzen." Sensationsheischende Clips hätten im TV-Angebot einer seriösen Regionalzeitung nichts zu suchen, meint auch Sommerfeld: "Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verführen lassen durch die Zugriffsquote." Andererseits nütze es nichts, nur auf die Gefahr zu starren, sagt Rager: "Wir müssen auch die Chance erkennen, dass ich in der Zeitung auf etwas verweisen kann, das sich besser im bewegten Bild zeigen lässt. Umgekehrt kann man im Internet-TV auf Texte in der Zeitung hinweisen. Das Engagement der Verlage im Internet-Fernsehen ist ein unumgänglicher Schritt."

   Sorgen bereiten aber auch rechtliche Fragen. Würde Internet-TV als reguläres Fernsehen definiert, bräuchten die Verlage eine Lizenz. Das sei derzeit unwahrscheinlich, sagt Peter Widlok von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Zum klassischen Rundfunk gehöre, dass er allgemein verfügbar sei, während die Videos im Internet angeklickt und heruntergeladen werden. Für die Zukunft müsse man die Definitionen jedoch an die technologische Wirklichkeit anpassen.

   Die Freiheit der Verlage dürfe aber auf keinen Fall eingeschränkt werden, fordert Neven DuMont: "Wenn es uns nicht gestattet wäre, uns da aufzustellen, wo die Erlöse sich hinbewegen, wie sollen wir dann noch unsere Funktion als vierte Gewalt in der Demokratie erfüllen?" Die Politik fordere von Unternehmern immer Kreativität. "Dann darf sie uns auch nicht ausbremsen, wenn wir kreativ sind."

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