Welt : Medizin: Titan-Herz

Hartmut Wewetzer

Meilenstein beim Organersatz: Amerikanische Chirurgen haben erstmals ein vollständiges faustgroßes Kunstherz verpflanzt, das gleichzeitig keine direkte Verbindung mehr zur Außenwelt hat. Es schlägt im Brustkorb des schwerkranken Patienten anstelle des bis auf Stümpfe entfernten Herzens.

Das Kunstherz ist eine Pumpe aus Titan und Plastik, die über vier Schläuche mit den Blutgefäßen des Patienten verbunden ist. Seine Energie empfängt es drahtlos durch die Haut über einen Sender, der Radiowellen ausstrahlt. Die dazu benötigten Batterien - jede liefert Energie für zwei Stunden - trägt der Patient an einem Gürtel. Ein Energiespeicher im Körper kann 30 Minuten ohne äußere Energiezufuhr auskommen, so dass der Träger in dieser Zeit zum Beispiel ohne Batterien duschen oder seine Kleidung wechseln kann. Grafik: Das Abicor-Kunstherz Hersteller des Herzens namens "Abiocor" ist die amerikanische Firma Abiomed aus Danvers in Massachusetts. Sieben Stunden dauerte die von Laman Gray und Robert Dowling geleitete Operation am Jüdischen Krankenhaus in Louisville im amerikanischen Bundesstaat Kentucky. Der schwerkranke Patient, dessen Lebenserwartung nur noch etwa einen Monat betrug, soll den Eingriff gut überstanden haben. Das erste Ziel der Operation sei es gewesen, "die Lebensspanne des Patienten zu verdoppeln und ihm wieder Lebensqualität zu verschaffen", sagte David Lederman, Präsident von Abiomed.

Abiomed hat von der US-Aufsichtsbehörde FDA die Erlaubnis bekommen, zunächst fünf Kunstherzen an ausgesuchten amerikanischen Krankenhäusern einzupflanzen. Die Patienten müssen mindestens 18 sein und unter nicht mehr kurierbarer ausgeprägter Pumpschwäche beider Herzkammern leiden. Abiocor wurde zuvor ausführlich an Kälbern getestet. Es soll im Labor einen einjährigen Dauertest bestanden haben. In Deutschland bekundeten das Deutsche Herzzentrum Berlin und das Herzzentrum Bad Oeynhausen, die amerikanische Entwicklung ebenfalls einsetzen zu wollen. Es gebe aber noch keinen Zeitplan.

Lederman sagte, dass Luftfahrt-Ingenieure bei der Entwicklung des Herzens geholfen hätten. Man hoffe, dass nun weniger Komplikationen als beim Vorgängermodell Jarvik-7 auftreten würden. Jarvik-7 war ebenfalls ein vollständig künstliches, mit Druckluft betriebenes Herz, das aber über voluminöse Schläuche mit großen Kompressoren und Konsolen außerhalb des Körpers verbunden war. Wegen der Verbindung des Herzens zur Außenwelt traten Infektionen auf, außerdem bildeten sich Blutgerinnsel im Herzen, die mit dem Blutstrom in das Gehirn transportiert wurden, hier Gefäße verstopften und so Schlaganfälle auslösten.

Die Geschichte des Kunstherzens geht bis in die 60er Jahre zurück. 1962 begannen in Berlin unter dem vor einer Woche verstorbenen Herzchirurgen Emil Bücherl Arbeiten am Herzersatz, 1964 legte das Nationale Herz-, Lungen- und Blut-Institut der USA ein Kunstherzprogramm auf. Wegen zu großer medizinischer Komplikationen wurde schließlich die Idee eines totalen Herzersatzes weitgehend aufgegeben. Stattdessen setzten sich Kreislauf-Unterstützungssysteme durch. Ein Vorteil dieser Pumpen, die an die linke Herzkammer angeschlossen werden, besteht darin, dass das Herz des Patienten im Körper belassen wird und sich unter Umständen erholen kann.

Der amerikanische Kunstherz-Veteran Robert Jarvik bezeichnete das Abiocor-System unterdessen als "falsche Hoffnung". Auch Michael DeBakey, Nestor der Herzchirurgie, äußerte sich eher skeptisch. Das neue System werde niemals so nützlich sein wie die erprobten Kreislauf-Unterstützungssysteme, die relativ einfach und weniger massig seien und zudem weniger Energie benötigten. Aber für eine kleine Zahl von Patienten könnte das künstliche Organ "die einzige Alternative" sein. Deshalb sei es trotz allem "eine sehr wichtige Entwicklung".

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