Welt : Mehdorn geht in die Offensive

Hersteller sollen mit Regressforderungen unter Druck gesetzt werden – Hintergründe eines Konflikts

Carsten Brönstrup

Berlin - Von allen Seiten kommen für die Bahn schlechte Nachrichten, sie kämpft gleichzeitig an mehreren Fronten. Im Streit um die Sicherheit der ICE-Achsen erhöht die Deutsche Bahn den Druck auf die Industrie. Sollte sich herausstellen, dass die Probleme mit den Radsatzwellen auf einen Herstellungsfehler zurückgehen, werde man die Regressfrage stellen, erfuhr der Tagesspiegel aus Unternehmenskreisen. Die Höhe des bislang durch Zugausfälle und Verspätungen entstandenen Schadens lasse sich aber noch nicht beziffern, hieß es.

Die Probleme gehen zurück auf einen Achsbruch bei einem ICE 3 in Köln vom Juli. Die Ursache ist noch unklar – die Staatsanwaltschaft Köln beauftragte das Bundesamt für Materialprüfung damit, die Ursache herauszufinden. Ein Ergebnis gibt es aber noch nicht. Das Eisenbahn-Bundesamt verordnete gleichwohl deutlich verkürzte Prüfintervalle für die Züge. Stehen die Züge in der Werkstatt herum, verdient die Bahn kein Geld damit, außerdem leidet das Image angesichts der Enge in den Zügen. Die Bahn-Führung ist deshalb sauer auf die ICE-Hersteller Siemens, Alstom und Bombardier. Hinzu kam vergangene Woche noch ein zwei Millimeter langer Riss in einer Achse des 230 Stundenkilometer schnellen ICE T. Vergangenen Freitag hatten die vier Parteien über das Achsenproblem verhandelt. Doch man konnte sich nicht einigen, bei welchen Prüfintervallen der seit 1999 fahrende ICE T noch als sicher einzustufen ist. Die Industrie befand, ein Werkstattbesuch zur Ultraschallprüfung alle 200 000 bis 300 000 Kilometer sei ausreichend. Die physikalischen Berechnungen dazu waren der Bahn aber zu schwammig, deshalb legte sie ihre ICE-Ts sicherheitshalber still. Jeder ICE 3 muss seit kurzem bereits alle 30000 Kilometer zur Prüfung. „Wir sehen uns von der Industrie im Stich gelassen“, beschwerte sich Mehdorn.

Konzipiert hat die fraglichen Zugteile des ICE T der französische Alstom-Konzern, gebaut werden sie unter anderem von der Stahlfirma Bochumer Verein, einer Tochter der Georgsmarienhütte. Die aufstrebende Industrie fürchtet nun um ihren Ruf, hat die Bahn derzeit doch mehrere millionenschwere Großaufträge für die nächste Schnellzug-Generation ausgeschrieben. Ein Bombardier-Sprecher erinnerte denn auch daran, dass die Konstruktion der ICEs „auf dem aktuellen Stand der Technik und der Normen“ sei und entsprechend vom Eisenbahn-Bundesamt auch genehmigt worden sei.

Doch es ist nicht das erste Mal, dass die Bahn und die ICE-Hersteller über Kreuz liegen. Bei der Einführung des ICE 3 gab es massive Probleme mit der aufwendigen Technik, vor allem mit der magnetischen Wirbelstrombremse, den Fahrmotoren und der zu schwachen Klimaanlage. Erst nach aufwendigen Nachbesserungen stieg die Zuverlässigkeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben