Welt : Mehr als 60 Menschen starben in den Flammen nach dem Absturz der Boeing

Martin Arn

Ein Triebwerkschaden hinderte die Maschine am Abheben, die über eine Avenida und in einen Golfplatz rasteMartin Arn

Ein lauer Dienstag abend am Rio de la Plata. 200 Sportsfreunde sind im exklusiven Golf Club "Punto Carrasco" von Buenos Aires gerade dabei, Abschlag und Einlochen zu üben, als vom gegenüberliegenden Stadtflughafen die Boeing 737 der privaten Airline Lineas Aereas Privadas Argentinas (LAPA) mit dem Reiseziel Cordoba startet. Momente später wird die Golf-Idylle von einem Knall zerrissen. Sekundenlang ist markdurchdringendes Kreischen von berstendem Metall zu vernehmen. Noch ein Knall, dann überschwemmt ein Flammenmeer den oberen Teil des Golfplatzes.

Die Maschine mit 95 Passagieren und 5 Besatzungsmitgliedern an Bord hat trotz zwei Versuchen abzuheben kaum an Höhe gewonnen und rast mit 200 Stundenkilometern in den Zaun am Ende der Startpiste, schlingert dann mehrere hundert Meter weit über die angrenzende Avenida und prallt unmittelbar neben dem Golfplatz gegen einen Erdhügel. Mindestens 60 Passagiere sterben durch die Wucht des Aufpralls, andere verbrennen, eingeklemmt zwischen den Sitzen. Wieviele Automobilisten durch den Zusammenprall mit dem Flugzeugrumpf ums Leben kommen oder verletzt wurden, ist auch zehn Stunden nach dem Unglück noch nicht sicher. Manche sprechen von mindestens zehn, der Fernsehsender Canal 13 von bis zu 30 Opfern. Am Mittwoch, nur wenige Stunden nach dem Absturz, löschte die Feuerwehr das Wrack der völlig ausgebrannten Boeing .

Fabian Nunez, einer der wenigen Überlebenden, hatte beim Start "ein merkwürdiges Geräusch, vernommen und Flammen am linken Triebwerk gesehen. Die Maschine hob kurz ab, dann raste sie wie eine führerlose Blechkiste durch Zäune und über die Strasse, riss Autos und Bäume mit. Dann prallte sie auf", schildert er. "Ich bin über Sitze und Taschen gestiegen, vorbei an Menschen, deren Kleider brannten - ich wollte nur raus." Den meisten der 100 Insassen war nicht so viel Glück beschieden wie dem 31jährigen Nunez.

Die herbeigeilten Golfer konnten nur wenige Menschen aus dem Flugzeug befreien, einige "starben uns in den Händen", wie der 52jährige Javier erzählt. Andere kamen nur mit schwersten Verbrennungen und weggerissenen Körperteilen davon: "Es war schlimmer als die Hölle", beschreibt Javier den Ort der Katastophe. "Ein Flammeninferno, schreiende, blutende Menschen, Flugzeugteile überall."

"Was ich jetzt sage, wird keiner verstehen", warnte ein Luftfahrtexperte der argentinischen Luftwaffe die TV-Zuschauer am Morgen nach der Katastophe: "So hart es klingt: Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Was etwa, wenn die Boeing in eine der beiden Grosstankstellen gedonnert wäre, die beide rund 250 000 Liter Treibstoff gelagert haben? Was, wenn die Ampel hinter der Startpiste nicht auf rot, sondern auf grün gestanden hätte?"

Was der Luftwaffenoffizier als "Glück in einem riesigen Unglück" bezeichnete, das wussten nicht nur Planungs- und Luftfahrtexperten schon seit langem: Der Flughafen Aeroparque, fünf Kilometer vom Zentrum der 13-Millionen-Stadt entfernt, gilt schon seit Jahren als erhebliches Sicherheitsrisiko: Ruben Cafaro, Sicherheitschef des Flughafens, machte schon vor Monaten darauf aufmerksam, dass der Flughafen die internationalen Sicherheitsvorschriften nicht erfüllt. Die UN-Kommission für Zivilluftfahrt hat für alle Grossflughäfen die Auflage gemacht, dass in einem Radius von vier Kilometern kein Gebäude höher als 45 Meter sein darf. In Buenos Aires gibt es mehr als ein Dutzend solcher Gebäude in unmittelbarer Nähe des Flughafens.

Über die Ursache des Unglücks herrschte am Tag nach dem Absturz weiterhin Unklarheit. Zeugen wollen vor dem Start zwei Mechaniker gesehen haben, die am linken Triebwerk gearbeitet haben. Ein LAPA-Mitarbeiter bestätigte zudem, dass das Flugzeug, das aus der Stadt Cordoba kam, bereits dort auf Grund eines Triebwerkschadens mit einer 30-minütigen Verspätung gestartet sei. Ein Expertenteam des US-Flugzeugbauers in Seattle ist inzwischen in Buenos Aires eingetroffen, um bei den Untersuchungen zu helfen.
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