Welt : Mehr als nur ein Blechschaden

Zwei Kosmonauten starten heute zur Raumstation Mir, um sie zu reparieren VON THOMAS DE PADOVA / ALEXEJ DUBATOWBERLIN/MOSKAU."Wenn wir keine Daten haben, können wir nicht viel machen!" Die Wissenschaftler des Geoforschungszentrums in Potsdam warten schon seit Wochen vergeblich auf weitere Bilder aus dem All.Dort oben, auf der Raumstation Mir, ist eine deutsche Kamera installiert, die hervorragende Aufnahmen macht: Mit einer Auflösung von nur fünf Metern kann der Sensor Moms beispielsweise die Veränderung des Regenwaldes oder das Wachstum von Getreide in den verschiedenen Vegetationsperioden fotografisch festhalten. "Wir betreiben das erste Experiment auf der Raumstation, das außerhalb von Moskau gesteuert wird", sagt Peter Seige vom Institut für Optoelektronik in Oberpfaffenhofen, Projektleiter für Moms bei der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt, nicht ohne Stolz.Doch gesteuert wird zur Zeit nichts.Denn auch die beste Kamera guckt ohne Strom in die Röhre. Strom aber ist auf der Mir ein knappes Gut, seit ein unbemannter Frachttransporter Ende Juni mit der Raumstation kollidierte, als er gerade ein neues, als besonders sanft geltendes Andockmanöver erprobte.Die Nachschubfähre riß dabei ein rund drei Quadratzentimeter großes Loch in eines der vielen Module, die der zusammengesteckten Raumstation das Aussehen eines überdimensionalen Insektes verleihen. Das Spektr-Modul mußte wegen des entstandenen Druckverlustes umgehend vom Rest der Raumstation isoliert werden.Der dabei neu angebrachte Deckel trennte die Raumstation nun von einem ganzen Strang Kabel ab.Nicht nur die Datenleitungen zum Wissenschaftsmodul Spektr wurden gekappt, sondern auch die Kabel zu vier der insgesamt zehn Sonnensegel der Station.Die Stromversorgung ­ vorübergehend sogar einmal völlig ausgefallen ­ liegt seit dem Unfall etwa ein Drittel unter Normalniveau: das Aus für alle wissenschaftlichen Experimente. Nun schaut nicht nur Peter Seige, sondern mit ihm die gesamte internationale Raumfahrtelite gebannt auf den Weltraumbahnhof Baikonur.Dort rollten bereits am Sonntag auf einem Güterzug die Trägerrakete Sojus-U und die Raumkapsel Sojus-TM-26 ein, die am heutigen Dienstag abend Richtung Mir starten sollen.Die beiden Kosmonauten Anatoli Solowjow und Pawel Winogradow haben die nicht eben leichte Aufgabe, das Spektr-Modul zu reparieren. Unter anderem sollen sie mit ihren klobigen Handschuhen einen neuen Deckel mit Kabeldurchführungen an dem Modul anbringen, damit die abgeklemmten Leitungen wieder miteinander verbunden werden können.Sechs Ausflüge in den offenen Weltraum sind geplant, Arbeiten im leckgeschlagenen, luftleeren Spektr-Modul nicht mitgerechnet. Seit dem ersten bemannten Raumflug fand kaum eine Weltraummission mehr so viel Beachtung in Rußland.Das russische Fernsehen zeigte die Vorbereitungen in allen Einzelheiten.An der Abschußrampe stand unterdessen alles Spalier, was in der russischen Raumfahrt Rang und Namen hat.Auch Verteidigungsminister Igor Sergejew flog nach Baikonur, um die Kosmonauten persönlich zu verabschieden. Denn vom Erfolg der Reparatur-Mission hängt das Schicksal der russischen Raumfahrt maßgeblich ab.Wenn die Reparatur scheitert, verliert die russische Raumfahrtbehörde nicht nur die Station, sondern auch Millionenbeträge aus dem Ausland.Allein die Nasa zahlte über einen Zeitraum von mehreren Jahren umgerechnet rund 700 Millionen Mark dafür, daß sich US-Astronauten an Bord der derzeit einzigen Raumstation im All aufhalten können.Ein Aus für die Mir würde die russische Raumfahrt weit zurückwerfen, vermutlich auch den Bau der geplanten internationalen Raumstation beeinträchtigen: Weil den Russen das Geld fehlte, wurde der Start der zentralen Einheit der internationalen Raumstation schon einmal um ein Jahr auf 1998 verschoben. Die Amerikaner wollen ihre russischen Partner denn auch tatkräftig unterstützen.Im September bringt das amerikanische Spaceshuttle "Atlantis" den US-Astronauten David Wolf zur Mir, der bei Reparaturen mit anpacken soll.Sein Kollege Michael Foales fliegt zur Erde zurück, desgleichen die russische "Unfallmannschaft".Die moskaunahe Flugleitzentrale hatte ihnen verboten, mit Reparaturarbeiten zu beginnen. An ein Mißlingen der Mir-Reparatur wagt in Rußland niemand zu denken.Und auch der deutsche Wissenschaftler Peter Seige ist optimistisch: "Die Russen haben bislang über 1500 Defekte gehabt, aber sie haben es immer wieder hingekriegt, sie zu beheben."

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