Welt : Mein Garten Eden: Blätter im Stress

Ursula Friedrich

In einem Krimi las ich kürzlich, wie Geranien einen Mord aufklärten. Jawohl, Geranien, die schönen roten, Pelargonium zonale. Hauptverdächtige war eine Ex-Frau, die allerdings ein Alibi vorwies: 80 Geranienstöcke, welche sie am Nachmittag gekauft und am Abend in die Rabatte vor ihrem Haus gesetzt hatte. Wie konnte sie da zur selben Zeit 120 km entfernt ihren Ex-Mann erdrosseln? Der Kommissar, selber leidenschaftlicher Gärtner, bewunderte die Geranien und pflückte ein Ästchen ab.

Einen Tag später wurde die Frau verhaftet. Es war kalt gewesen in jener Nacht, welche ihre Geranien angeblich bereits im Garten verbracht hatten. Geranien frieren nicht gern. Bei Kälte bilden sie in den Blättern ein chemisch nachweisbares Stresshormon. Diese hier hatten es nicht gebildet. Also waren sie auch nicht im Freien, sondern in der Garage, während ihre Besitzerin sich auf den Weg machte, die Untat zu vollbringen. "Eingepflanzt haben Sie sie erst am nächsten Morgen", sagte der Kommissar mit schneidender Stimme. Sie brach sofort zusammen und gestand alles.

Also - vorsichtig mit Geranien. Vielleicht auch noch mit anderen Pflanzen. Die Wissenschaft ist erst dabei, ihre Wahrnehmungen und Reaktionen zu entschlüsseln. Sie sind Lebewesen, die fühlen, sich äußern, sich wehren, sich gegenseitig Mitteilungen zukommen lassen, ja sogar sich erinnern. Der Code ist nur noch nicht geknackt, aber man gibt sich Mühe.

Wenn meine Geranien frieren, teilen sie mir das durch Erröten mit. Die Ränder ihrer Blätter werden tief rot. Das ist das einzige ihrer Geheimnisse, das ich erkenne. Im Übrigen schätze ich sie, weil sie so robust, blühfreudig und prächtig sind, "ideales Gewächs für Anfänger", steht im Gartenbuch. Mehr als 60 Millionen Stück werden im Jahr bei uns verkauft. Fast auf jeden Einwohner kommt eine Geranie. Dass es sich dabei um Pelargonien handelt, kümmert keinen. Da hat sich der berühmte Artenbenenner Carl von Linné ein wenig geirrt. Ein englischer Gartendirektor hat ihn korrigiert - vergeblich.

Geranien sind geduldig. Durch fast gar nichts als durch zu wenig Wasser lassen sie sich beim Blühen irritieren. Tränkt man sie in halb vertrocknetem Zustand, werden sie sofort wieder quicklebendig. Außer der Kälte mögen sie starken Regen nicht, auch im tiefen Schatten sollten sie nicht stehen. Aber sonst stört sie nichts. Läuse gehen nicht an sie, auch andere Schädlinge und Krankheiten können ihnen kaum etwas anhaben. Sie sind, pflegte meine Mutter zu loben, "dankbar".

Um 1700 kamen sie zu uns aus Südafrika, wo sie hohe Sträucher bilden. Allerdings waren das Gewächse mit unscheinbaren kleinen Blüten. Sie hielten Einzug in den Gärten der französischen Kaiserin Josephine und des Bischofs von London. Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es Züchtern, die heutigen Blütenwunder zu züchten.

Mein Haus ist umgeben von einer ganzen Herde Geranientöpfe. Teilweise sind die Pflanzen schon zehn Jahre alt. Ich nehme sie im Herbst einfach ins Haus, stelle sie auf sämtliche mir zur Verfügung stehenden Fensterbretter und ins Treppenhaus. Sie blühen weiter, denn ich schneide sie nie herunter. Nach den Eisheiligen dürfen sie dann wieder an die Luft, die warme selbstverständlich. Ich riskiere nichts.

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