Welt : Mein Garten Eden: Das Hungerbeet

Ursula Friedrich

Abmagern ist ein hässliches Wort. Die meisten Menschen kennen es nur zu gut. Der Doktor klopft auf den Körperteil, den wir für unsere Taille halten und sagt: "Da muss was weg!" Dass auch Gartenfachleute sowas sagen, war mir neu. Ich hatte mich in der Abteilung "Steingarten" eines Gartencenters erkundigt, woran es liegen könnte, dass bei mir die Steingartenpflänzchen entweder groß und buschig werden oder ganz verschwinden. Meine Sonnenröschen, Steinnelken, silberblättrigen Winzlinge, mein zarter rosaroter Mohn, ja sogar das als unsterblich geltende Sempervivum.

Der Mann vom Fach vermutete: "Zu fett." Auf meinen betroffenen Blick hin ergänzte er: "Ihre Erde ist zu fett." Meine Erde müsse abmagern an der Stelle, an der ich einen Steingarten haben wolle??? Wie magert man Erde ab? Ganz einfach. Man vermischt sie mit Sand und Kies. Man gießt nicht. Und selbstverständlich düngt oder mulcht man auch nicht. Nichts zu essen, nichts zu trinken, oder fast nichts. Nulldiät, das alte Rezept.

Für meinen Steingarten ist ein kleiner sonniger Abschnitt vorgesehen, ein Hügelchen, auf dem ich selber gesammelte Flusskiesel und andere Fundsteine ausgelegt habe. Die räume ich zur Seite und arbeite Diätkies und Magersand in die dunkle Erdkrume ein. Warm soll sich das Gemisch anfühlen, warm und trocken, karg und bröselig. Man kann von vorneherein Pflanzlöcher einplanen. In das Loch für den Seidelbast gehört außer Sand auch noch etwas trockenes Laub und ein bisschen Torf.

Ja, und dann ist die Auswahl groß. Das schon im April gelb blühende Hungerblümchen zum Beispiel, Schleierkraut, niedere Strohblumen, Sandkraut, weiß, von April bis Juli blühend, Stachelnüsschen, karminrot, Enzian, Steinbrech, der nicht mal zwei Zentimeter hoch wird, Thymian, Nachtkerzen. Fetthenne - halt, wieso Fetthenne? Heißt bloß so, man kann sie auch auf Lateinisch passender Sedum nennen. Erika, für die man eigens ein Schaf halten müsste, das sie regelmäßig abfrisst. Es gäbe, hat mir mal jemand erzählt, keine Lüneburger Heide ohne weidende Schafherden. Deswegen also sind meine Erikas so sparrig und weitläufig geworden und immer spärlicher. Sie mögen übrigens etwas kalorienarmen Torf an den Wurzeln.

Und alle, alle mögen sie viel Sonne. Schattenlose Sonne. Ein Steingarten heißt auch "Alpinum" und soll an Berghänge erinnern, wo keine Bäume mehr wachsen und das Licht verdrängen. Warum also nicht auch Edelweiß hineinsetzen? Obwohl die nie so schön samtig und weiß werden wie hoch oben im Felsen.

Am Ende der Pflanzaktion verteilen wir wieder die Steine auf dem Hügelchen. Wenn wir dabei ins Schwitzen kommen, dürfen wir uns vorstellen, dass auch unser Fettgewebe abgemagert ist. Ein bisschen. Falls wir uns anschließend kein kühles Bierchen oder Cola genehmigen. Den ganzen Sommer über wird unser genügsames Hungerbeet blühen, immer irgendwas, hübsch niedrig, winterhart, intensiv in den Farben. Zur Freude der dicken Gärtnerin.

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