Welt : Mein Garten Eden: Diamant im Armenhaus

Ursula Friedrich

Es gibt echte Diamanten und falsche. Die falschen sind meist größer, auffallender und vor allem häufiger. Beim Jasmin ist es ähnlich. Der Falsche Jasmin (Philadelphius coronarus, auch Pfeifenstrauch) hat große rahmweiße Blüten, mit denen er im Sommer Garten und Zäune geradezu überschüttet. Der Echte Jasmin (Jasminum nudiflorum) hat kleine, viel bescheidenere goldgelbe Blütchen und ist kein Strauch wie sein falscher Bruder, sondern ein so genannter Spreizklimmer. Er geht die Wände hoch, wenn er eine Stütze bekommt. Was ihn kostbar macht, ist das Datum seiner Blütezeit jetzt, Februar/März, im Winter. Um diese Zeit ist der Garten eher ein Armenhaus mit Laubresten, kahlen Zweigen, mürrischem Rosengestrüpp und dem ins Auge fallenden, hinter nichts Grünem versteckte Komposthaufen, geziert von Eierschalen und Orangenresten.

In dieser unwirtlichen Umgebung kommt auch ein kleiner Diamant richtig groß raus. Oder vielmehr: viele kleine Diamanten an dünnen Zweigen die Hauswand bedeckend, golden funkelnd und betörend duftend. "Nudiflorum" heißt, nach meinen bescheidenen Lateinkenntnissen vermutlich "Nacktblüher", und so ist es auch: nackt und bloß setzen sich die Blüten dem frostigen Klima aus. Die Blätter trauen sich erst viel später hervor.

Den Falschen Jasmin habe ich schon lange, er macht die Hecke zur Straße dicht. Der Echte Jasmin steht seit zwei Jahren an einem relativ geschützten Platz. Mit ein paar Tannenzweigen um seine Füße herum versuche ich, ihm das Leben zu erleichtern. Trotzdem tut er mir oft Leid in den langen dunklen Nächten. Umso mehr rührt es mich, ihn blühen zu sehen. Er wird von den ersten Bienen besucht, die noch ganz verschlafen und kältestarr sind. Bereitwillig lässt er sie saugen und schmatzen.

"Er ist unser Helfer in schwierigen Zeiten", schreibt die englische Schriftstellerin und Hobbygärtnerin Vita Sackville-West. "Tatsächlich gehört er zu den seltenen Pflanzen, die selbst unter den widrigsten Umständen blühen. Wir erleben den Ausdruck seiner Dankbarkeit an dem goldenen Regen seiner Blüten..." Dankbarkeit für ein bisschen Erde, ein bisschen Wasser, mehr verlangt er nicht. Vita Sackville-West lässt ihn nicht klettern, sondern hängen - über Mäuerchen und Böschungen.

So viel Platz habe ich nicht. Als Kletterer braucht er zwar Drähte zum Festhalten oder ein hölzernes Gitter, Raum zum Ausbreiten braucht er aber nicht. Mein Garten ist so klein, ich muss in den Himmel ausweichen. Man soll den Echten Jasmin übrigens nicht, wie es oft heisst, nach der Blüte stutzen, meint Frau Sackville-West. Ihrer hat sich nach einer solchen Bearbeitung ewig lange nicht mehr erholt. Meiner ist noch ein Kleinkind, aber auch später darf er wachsen, wie er will. Ich werde ihn zu nichts zwingen. Das ist meine Art, ihm Dankbarkeit zu zeigen - dafür, dass er dem Winter so tapfer seine zarte Stirn zeigt.

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