Welt : Mein Garten Eden: Die schöne Würgerin

Ursula Friedrich

Eigentlich bin ich ja der Auffassung, dass jedes Tier und auch jede Pflanze eine sinnvolle Rolle spielen im Schöpfungskreis der Natur. Reißt man Brennnesseln aus, vernichtet man die Babynahrung wunderschöner Schmetterlinge. Zertritt man Würmer, verkrustet die Erde. Jede totgeschlagene Biene vermindert die Befruchtungschancen für Blüten. Alles hängt irgendwie zusammen.

Außer der Nacktschnecke hat vor allem ein Klettergewächs dieser ökologischen Weltsicht einen schweren Stoß versetzt. Ich meine die Ackerwinde. Wozu sind Nacktschnecken gut? Wozu gibt es Winden? Sie zählen zu den gefürchtetsten und hartnäckigsten Acker- und Gartenunkräutern, weil sie sich nur äußerst schwer bekämpfen lassen, steht in einem Naturführer.

Und sie gehören zu den hübschesten Wildblumen. Die Ackerwinde (Convolvulus arvensis) hat wunderschöne rosa weiße Glockenblüten, die Zaunwinde (Calystegia sepium) etwas größere rein weiße Blütentrichter. Vorkommen: weltweit. Sie wachsen überall, wo sie einen Platz zum Ranken finden, auch an ganz unansehnlichen, staubtrockenen Stellen. Wie sie ihre langen Arme über den Boden, an Maschendrahtzäunen in die Höhe schicken, das sieht echt entzückend aus. Ich weiß noch, wie ich einen Nachbarn, der die zarten Schönheiten mit Gift übergoß, zur Rede stellte. Was für eine Barbarei! Bei mir durften die Winden wachsen, natürlich, bei mir darf alles wachsen, was schön aussieht.

Und sie sind gewachsen. Innerhalb weniger Monate haben sie von einem Teil meines Gartens Besitz ergriffen. In diesem Sommer haben sie eine Hecke aus Jasmin und Weigelien unter sich begraben. Sie klettern den Apfelbaum hoch, umhüllen meine Stauden im Beet. Was heißt umhüllen - sie erwürgen sie.

Ihre dünnen Stängel, an denen die reizenden Blüten erscheinen, können drei Meter hoch werden. Sie sind hart wie dünner Draht. Schwer zu entfernen, weil sie sich mit eiserner Kraft an ihren Opfern festhalten. Ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht, dass man sie niemals von oben ablösen darf. Man muss ihre Drähte bis zum Erdaustrittspunkt verfolgen und tief unten ausreißen. Dann lassen sie mit einer merkwürdig kraftlosen Gebärde in ganzer Länge los. Als hätten sie begriffen, dass sie jetzt sterben. Da tun sie mir auch wieder fast ein bisschen Leid.

Aber keine Sorge, sie kommen ja wieder. Unverdrossen senden ihre zwei Meter tief im Boden verankerten Wurzeln neue Triebe nach oben. "Sie behaupten sich, auch wenn man sie immer wieder ausreißt. Auch Pflug, Hacke und Spaten kommen diesem attraktiven Unkraut nicht bei", lese ich in dem Standardwerk "Wildblumen unserer Heimat". Und kaum sind sie an der Luft, suchen sie mit kreisenden Bewegungen den nächsten Halt.

Einmal winden, immer Winden. An drei mühevollen Nachmittagen habe ich sie jetzt aus Hecke, Obststräuchern und Staudenbeet gepflückt. Aber ich muss wachsam sein. Irgendwie bebt die Erde schon wieder unter dem Ansturm von unten. Lange, fast unzerreißbare Schnüre werden in Kürze wieder da sein. Ob es Sinn machen würde, sie als Schuhbändel zu verwenden?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben