Welt : Mein Garten Eden: Die Wasserschlürferin

Ursula Friedrich

Sie ist die Blume, die nicht verwelkt. Nur ihre Farbe verändert sie - von Rosa zu einem fahlen Lila, von Blau zu Nebelgrau, von Weiß ins Blassgrünliche. Sie beeindruckt durch eine geheimnisvolle Standhaftigkeit ihrer Blütenbüschel, die im Alter papierdünn und trocken werden wie die Haut alter Frauen. Vielleicht ist die Hortensie deshalb sozusagen zum Sinnbild der Mutterliebe geworden, zur klassischen Lieblingsblume in den Floristikläden vor dem Muttertagssonntag.

Ich mochte sie früher nicht so besonders. Ihre Pracht hatte sowas Herausgeputztes, Übertriebenes im frisch gekauften Zustand. Eigentlich passte sie im Wohnzimmer nirgendwohin, sprengte den Rahmen des Blumenfensters. Zu auffallend, fand ich. Vielleicht pflegte ich sie deshalb nicht einfühlsam genug. Madame Hortensie ist nämlich empfindlich. Sie darf nicht mit kalkhaltigem Wasser gegossen werden, hasst Zugluft und volle Sonne, besonders hinter einer Fensterscheibe. Ihre Blätter bekommen dunkelbraune Ränder und fallen ab. Wenn die Söhne, von denen ich sie geschenkt bekommen hatte, in der Schule waren, stopfte ich meine Muttertagshortensie alljährlich in die Mülltonne.

Dass sie ein zweites Leben erst im Freien genießt, wusste ich nicht. Eine Nachbarin machte mich darauf aufmerksam, in deren Garten ein grandioser Hortensienhort blüht. Mit Dolden, die in den verschiedensten Farben changierend. Man nimmt sie aus dem Topf und setzt sie in einen größeren Kübel oder einfach ins Beet, erklärte sie mir.

Damit begann für mich eine schwierige Zeit. Mein Kampf mit der Hortensie. Ich muss sagen, sie fühlt sich wahrscheinlich an der frischen Luft wohler, aber sie ist genauso dominierend wie halt manchmal Mutterliebe ist. Anspruchsvoll. Man muss es ihr schon recht machen, damit man von ihr anerkannt und wiedergeliebt wird.

Ich pflanzte meine Hydrangea macrophylla, zu deutsch "großblütige Wasserschlürferin", in den Garten. Goss sie häufig und kalkarm. Im November schnitt ich die farblos gewordenen Blüten und die blattlosen holzigen Stängel schön ordentlich ab. Das hätte ich auf keinen Fall tun dürfen. Im Frühjahr trieb sie neu. Aber nichts blühte. Hortensien, hatte die Nachbarin vergessen zu sagen, blühen nur am vorjährigen Trieb. Im nächsten Winter brachen die stehen gelassenen Stängel unter der Schneelast ab. Wieder keine Blüten. Daraufhin baute ich im Herbst aus Tannenästen ein schützendes Haus. Im März baute ich es wieder ab. Weil sie die kahlen, erfroren wirkenden Stecken nicht hübsch fand, zwickte meine Zugehfrau sie ratzeputz weg. Keine Blüte.

Das war im vergangenen Jahr. Inzwischen habe ich ein Eisendrahtgestell, das ich über meine Wasserschlürferin stülpe, bevor es schneit. So. Und wenn sie dieses Jahr wieder nicht zur Blüte kommt, dann... Dann geht der Kampf halt weiter. Gärtner geben die Hoffnung nicht auf, und ich bin so neugierig, ob sie schließlich so blau blühen wird wie damals, als ich sie geschenkt bekam. Übrigens haben sich mittlerweile drei weitere Hortensien zu ihr gesellt, von den letzten drei Muttertagen. Ach, es wird einmal ein großer leuchtender Busch werden.

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