Welt : Mein Garten Eden: Empfindliche Edith

Ursula Friedrich

Auf Lateinisch heißt Flieder "Syringa". Es gibt sehr viele Sorten von weiß bis violett, und sie sind alle viel schöner als die Namen, die sie tragen - Menschennamen meistens. "Eilers" zum Beispiel, "Mrs. Edward Harding" oder "Katharina Havemeyer". Als ich meinen Fliederbusch in der Baumschule aussuchte, fand ich einen mit großen rot- violetten Rispen auf dem zugehörigen Erkennungsfoto am schönsten. Aber der Bursche hieß "Andenken an Ludwig Späth". Da nahm ich dann doch lieber "Edith Cavell", weiß blühend. Edith also.

Flieder duftet. Nichts auf der Welt ist so berauschend wie der Duft von Flieder an einem warmen Frühlingsabend, wenn man gerade frisch verliebt ist. Und nichts auf der Welt macht einen so fertig wie der Duft von Flieder an einem Regensonntag, wenn man Liebeskummer hat. Herzbrechend. Verführerisch. Sehnsuchtsvoll. Man muss mal in Wien gewesen sein, wenn dort der Flieder blüht, in allen Parks und Gärten, hinter jeder Mauer. Nicht nur drunten in Sievering...

Nach Wien brachte übrigens ein österreichischer Gesandter Ende des 17. Jahrhunderts den ersten Flieder aus der Türkei mit. Die Wiener nennen ihn noch heute "dem türkischen Holler".

Frühling und Flieder gehören zusammen. Meine Edith steht neben der Terrasse. Im Grunde ist es ihr gleich, wo sie steht. Sie will die Sonne sehen, das ist das Wichtigste. Ob der Boden mehr sauer oder mehr kalkig ist, kümmert sie weniger. Natürlich möchte sie gut ernährt werden, ein bisschen Stallmist schätzt sie, aber es darf auch Tütendünger sein. Früher hieß es, man müsse die verwelkten Blüten abschneiden. Das, las ich unlängst in einem Gartenmagazin, darf man getrost vergessen. Eine böse Krankheit gibt es: die Fliederwelke, bei der die jungen Triebe schwarz werden und absterben. Unbedingt sofort ins gesunde Holz zurückschneiden und ein Spezialmittel spritzen! Mein Flieder ist davon noch nicht heimgesucht worden.

Wohl aber von der kalten Sophie. Die kalte Sophie kennt man nur in Süddeutschland. Sie folgt auf die auch im Norden bekannten Eismänner im Mai: Kälterückfall mit Nachtfrost und eisigen Winden. Die Sophie droht am 15. Mai - eine Heilige, die unter Kaiser Diokletian den Märtyrertod starb und dafür alljährlich an der Baumblüte Rache nimmt.

Dieses Jahr hat sie meine Edith schwer beeinträchtigt. Die hatte gerade ihre weißen Rispen ein bisschen geöffnet. Nein, total erfroren sind sie nicht, aber sie sahen danach braun gesprenkelt aus. Weißer Flieder verwelkt auch nicht besonders hübsch, er "geht schnell hinüber", wie der Gärtner sagt.

Vielleicht hätte ich doch den Ludwig Späth nehmen sollen. Oder Präsident Abraham Lincoln, hellblau. Kann man ja nachholen. Irgendwohin passt so ein Flieder immer. Aber dann ist die schöne Blütezeit vorbei und vergessen. Im Sommer und Herbst ist der Flieder so unscheinbar, dass man weder an Ludwig noch an Frau Havemeyer noch an den alten Lincoln denkt. Erst wieder im nächsten Mai.

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