Welt : Mein Garten Eden: Ende einer Wespenehe

Ursula Friedrich

Mein ganz persönliches Wespennest klebt unter dem Dachvorsprung meines Hauses. Absolut sicher, jedem Zugriff entzogen. Der Farbe nach handelt es sich um ein Nest der Deutschen Wespe (Paravespula germanica). Aschgrau. Ein aschgrauer Klumpen, als habe jemand einen Lehmbatzen hinaufgeworfen. Die Gemeine Wespe (Paravespula vulgarica) unterscheidet sich nicht nur durch einen zackigen schwarzen Mittelstreifen auf dem Kopfschild, sondern vor allem dadurch, dass ihre etwas kleineren Klumpennester eher gelbbraun sind. Dann gäbe es noch die Sächsische Wespe (Dolichovespula saxonica), die am liebsten die Nistkästen von Vögeln bezieht. Aber ich wohne nicht in Sachsen, die Vögel in meinem Garten können ruhig brüten und schlafen.

Wespen sind Tiere, die stechen. Als zweijähriges Kind, so die Überlieferung, habe ich mich mit nacktem Po auf eine Birne im Gras gesetzt, die voller Wespen war. Es muss schlimm gewesen sein. Bis heute, denke ich mir manchmal, ist meine Rückseite nicht mehr richtig schlank geworden. Allerdings brauchte ich damals von einer Sekunde auf die andere keine Windeln mehr. Ich war "sauber", die Wespen hatten geschafft, was meine Mutter bis dahin nicht schaffte.

Bis zu 30.000 neue kleine Wespen werden in den Nestern jedes Jahr großgezogen, in Waben, die die gleiche Form haben wie die Bienenwaben, nur dass sie nicht aus Wachs sind, sondern aus einer Art fluttrigem Recyclepapier. Wespen haben keine Wachsdrüsen. Für die winzigen Larven fangen sie Insekten, die sie in Stücke reißen, Stubenfliegen, Fleischfliegen, als besondere Leckerbissen auch fette Raupen. Wenn die Wespenbabys Hunger haben, machen sie ihre Betreuerinnen durch hörbares Kratzen an den Wänden ihrer Zellen darauf aufmerksam. Niedlich, nicht? Die Wespen selbst lieben Nektar, den Gummifluss kranker Bäume, sogar Äpfel fressen sie. Und am liebsten, wie wir alle wissen, Pflaumenkuchen.

Aber nicht deswegen, sondern wegen der Vertilgung vieler Schädlinge gelten sie als nützliche Tiere in Garten, Feld und Flur. Die Naturschützer empfehlen Methoden, wie wir verhindern können, dass die den Sommer überlebenden Exemplare im Winter nicht erfrieren. Morsches Holz bietet ihnen Unterschlupf, Baumscheiben, in die wir vorher Löcher bohren, weil die Wespen das selber nicht gern machen, Strohbündel.

Manche Wespen üben übrigens einen hübschen Brauch aus. Am Ende des Sommers, nachdem sie sich gerade noch von den Männchen haben befruchten lassen, bringen sie diese um, verlassen die alten sterbenden Nester und suchen sich, ohne Gatten, eine neue Zukunft. So beschreibt es Richard Gerlach in seinem Buch "Die Geheimnisse im Reich der Insekten!" Eine Freundin von mir behauptet, dass die Weibchen, die immer nur für den Nachwuchs gearbeitet haben, jetzt endlich auch mal nur an sich denken können. Die Freundin sagt, man darf sie nicht wegen eines bisschen Pflaumenkuchens totschlagen. Gut, schlag ich sie nicht tot. Aber ich mag sie trotzdem nicht.

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