Welt : Mein Garten Eden: Gefährliche Schöne

Ursula Friedrich

Wir haben in der Familie einen Maiglöckchen-Toten. So jedenfalls geht die Saga: Urgroßonkel Otto wurde am Blinddarm operiert, hatte nach dem Eingriff großen Durst, durfte aber nichts trinken. Da hat er heimlich das Wasser aus der Vase getrunken, in der ein Maiglöckchenstrauß neben seinem Bett stand. Und daran ist er gestorben. Maiglöckchen sind giftig, das Blumenwasser infolgedessen auch. Der arme Onkel ist schuld, dass ich in meinem Garten keine Maiglöckchen habe. Ich fürchte mich vor ihnen, den Boten der Liebe und des giftigen Todes.

Trügerisch ist das Maiglöckchen, heißt es in einem alten Blumenbuch, schön und böse. Die gebogenen Blütenrispen mit den weißen Glöckchen sind im Volksglauben sowohl Symbole für Liebesglück als auch Symbole für tödliches Schicksal. Auf vielen mittelalterlichen Tafelbildern sind sie in ihrer mittelalterlichen Zwiespältigkeit abgebildet, in den Händen von Bräuten und Madonnen, in den Händen von sterbenden Märtyrern.

Ich weiß im Wald ein paar Flecken, wo sie um diese Zeit schon anfangen zu blühen und ihren süßen Duft zu verströmen. Geheimnisvoll, magisch in ihrem reinen Weiß, das aus dunkelgrünen Blättern wächst, stehen sie im Halbschatten zwischen feuchtem Laub. Kleine nordische Liliengewächse, einst der Frühlingsgöttin ostara geweiht. Sie hatten keinen lateinischen oder griechischen Namen, weil man sie in diesen Ländern nicht kannte. Mönche nannten sie "Lilie des Tales", Lilium convallium. "Lily of the valley" nennt man sie noch heute in England.

"Die Botschaft der Blume ist das Leben, die Botschaft der Blume ist der Tod", schrieb ein Dichter. Von vielen ist die zarte Pflanze als bescheiden, genügsam, schüchtern beschrieben worden. So sieht sie ja auch aus - lieblich, fast hilfsbedürftig. Aber wer keinen Onkel Otto in seiner Ahnenreihe hat und infolgedessen einen stillen Platz in einer Gartenecke für Maiglöckchen reserviert, der macht andere Erfahrungen. Innerhalb kurzer Zeit vermehren sich die Pflanzen geradezu rücksichtslos. Sie haben unterirdische Karzelrhizome, die sie durchs Erdreich schieben, um schließlich eine ganze Armee von zugespitzten, 10 bis 20 cm hohen Blättern zu treiben. Enge Nachbarschaft mit anderen Gewächsen mögen sie nicht. Botaniker haben herausgefunden, dass sie zum Beispiel Veilchen geradezu hassen. Das hat Albrecht Dürer noch nicht gewusst, als er auf seinem berühmten Gemälde dem Erasmus von Rotterdam einen Strauß aus Veilchen und Maiglöckchen auf den Schreibtisch stellte. Gewiss als eine Würdigung der Bescheidenheit des großen Gelehrten.

Diese merkwürdige Blume mit den zwei Gesichtern: schön und gefährlich, zart und zäh, unschuldig und tödlich. Von Kopf bis Fuß ist das Maiglöckchen giftig, von den schwachen Stängeln bis zu den roten Beeren, die sich nach der Blüte entwickeln. Weil diese Beeren sehr gut schmecken, müssen Kinder vor ihnen gewarnt werden. (Ich möchte jetzt nicht noch einmal Onkel Otto erwähnen.) Die Giftstoffe haben auch ihre guten Seiten, sie können kranke Herzen heilen. In vielen Herzmitteln sind sie enthalten. Ist ja gut, ist ja gut. Ich betrachte die kleinen Lilien mit großem Respekt und lasse sie dort stehen, wo sie hingehören: im Wald.

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