Welt : Mein Garten Eden: Hello & Goodbye: Die Taglilie

Ursula Friedrich

Wer keine rasch verblühenden Blumen mag, kann sie von vornherein vergessen. Auch wer Schwierigkeiten damit hat, Abgeblühtes und frisch Aufgeblühtes in fröhlicher Unordnung zu dulden, braucht keine Taglilien in seinem Garten. Denn genau das sind sie: ein bisschen unordentlich, dafür unkompliziert, unermüdlich blühfreudig und im Wurzelbereich sehr vermehrungsaktiv.

Ich bin zu meinen Taglilien gekommen, als ein benachbarter Gartenfreund sie auf den Kompost warf. Unkraut, sagte er. Was rasch wächst, sich ausbreitet, keine besondere Pflege braucht, wird nach meiner Beobachtung gern missachtet. Je anspruchsvoller sich ein Pflanze gebärdet, umso höher steht sie im Ansehen. Haben Sie meine En- gelstrompete gesehen?, fragt mich derselbe Nachbar jedes Jahr. Vierzehn Blüten! Dafür wird sie auch behandelt wie ein Familienmitglied, kommt im Winter ins Schlafzimmer und im späten Frühjahr auf den besten Platz an der Südwand. Sie ist giftig, macht nichts. Sie muss zweimal pro Tag gewässert werden, macht auch nichts.

Taglilien hingegen verlangen fast gar nichts. Sie wachsen gern in feuchter Erde, aber widerspruchslos und geduldig auch in einem gewöhnlichen Beet. "Es sind sehr entgegenkommende Pflanzen, die sich fast überall wohlfühlen", schreibt die Schriftstellerin und berühmte Gärtnerin Vita Sackville-West. "Für den Sommergarten sind sie besonders nützlich, weil sie von Juli bis September blühen."

Ihr Familienname ist Memerocallis. Die Farben reichen von Zitronengelb über Rosa, Lachsrosa, Feuerrot, Kupferrot bis zu einem verwischten Lila. Mein Liebling wäre die Sorte "Florisant Snow" in einem magischen grünlichen Weiß wie Schnee an einem frostigen Morgen. Aber die habe ich nicht. Meine Taglilien blühen in einfachem, klarem Gelb. Jede Blüte öffnet sich nur für einen einzigen Tag. Aber daneben sitzen schon die Knospen für die Nachfolge.

Hemerocallis sind keine echten Lilien, nur "lilienähnlich". Die echten heißen auf lateinisch Lilium und haben andere Blätter. Die Blüten kann man allerdings fast miteinander verwechseln. Hemerocallis haben Wurzelknollen, aus denen sie jedes Jahr ein bisschen üppiger austreiben. Lilien, die feinen, edlen, wachsen aus schuppigen Zwiebeln heraus. Allesamt, Knollen- und Zwiebelgewächse, kommen aus Ostasien, wo man sie nach manchen Rezeptangaben auch isst.

Aber das habe ich mich noch nicht getraut. Meine Taglilien - ich glaube, es handelt sich um die Sorte "Goldenes Wunder" - duften süß. Ich weiß nicht, wie sich das in der Pfanne auswirkt. Und außerdem traue ich den Übersetzern chinesischer und japanischer Kochbücher nur eingeschränkt. Wer weiß, ob sie da nicht einen kleinen giftigen Unterschied falsch interpretiert haben...

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