Welt : Mein Garten Eden: Nützlicher Parasit

Ursula Friedrich

Letztes Weihnachten bekam ich einen "Hexenkalender 2000" geschenkt. Danach hat jeder Monat seine spezielle magische Pflanze. Im Juni ist es zum Beispiel die Erdbeere, "verführend zu sinnlichen Liebesspielen", im November der Weidenbaum, "um mystische Inspiration zu erhalten", und im Dezember ist es die Mistel, deren Zweige von den Druiden mit goldenen Sicheln geschnitten werden, um sie in den Häusern aufzuhängen. "Küsst sich ein Paar darunter, so sind baldige Heirat und lebenslange Treue zu erwarten".

Die Mistel heißt auch Hexenkraut, Donnerbesen, Kreuzkraut und auf botanisch Viscum. Es gibt sie in 60 Arten auf der ganzen Welt, aber bei uns gedeiht nur die Weiße Mistel, Viscum album. Sie ist keine normale, eigenständige Pflanze mit Wurzeln, sondern ein Halbschmarotzer, ein Parasit, der auf Bäumen wächst, denen er Wasser und Salz entzieht. Irgendwie ein rätselhaftes, verwirrt aussehendes Wesen, dem von altersher magische Kräfte zugeschrieben werden.

Auf einem Birnbaum im Nachbargarten wachsen drei Misteln in großen, unordentlichen Knäueln. Im Sommer sieht man sie nicht, erst jetzt, nachdem das Laub gefallen ist, machen sie sich mit ihrem merkwürdigen fahlen Grün bemerkbar. Ich bin froh, dass sie beim Nachbarn drüben sind und nicht bei mir. Ein Wünschelrutengänger hat mir einmal erzählt, dass sie immer nur auf Bäumen wachsen, die auf "gestörtem" Grund stehen. Gewissermaßen als Gegenleistungen für ihre Ernährung durch den Baum halten sie Erdstrahlen, Strahlungen durch Wasseradern und unterirdische Verwerfungen von ihm fern.

Also, jedenfalls bei mir sind diese Strahlen nicht, ich habe keine Misteln im Garten. Aber ich schaue sie gerne an. Sie haben etwas Geheimnisvolles an sich, wie sie da oben sitzen mit ihren kleinen, ledrigen Blättern und den weißen, giftigen Beeren jetzt um die Weihnachtszeit. Wie Wesen von einem anderen Stern, luftgeboren. Die Blätter bleiben den ganzen Winter grün, nur alle zwei Jahre fallen sie ab. Niemand beachtet im Frühjahr die winzigen gelblichen Blüten. Vögel mögen ihre Beeren übrigens gern, es gibt sogar eine Drossel, die sich immer in der Nähe von Misteln aufhält, die sogenannte Misteldrossel.

Baldur, der Gott des Lichts, ist der germanischen Göttersage zufolge von einem Pfeil aus Mistelholz zu Beginn der Götterdämmerung erschossen worden. Eine Pflanze mit Macht über Leben und Tod, ehemals als heilig verehrt, jetzt als Weihnachtsdekoration überall erhältlich. Eigentlich ist das fast eine Sünde, oder nicht? Denn wir haben allen Grund, sie respektvoll zu betrachten. Ihre Heilkräfte werden auch in der modernen Medizin neuerdings geschätzt. Sie sind gut bei hohem und niedrigem Blutdruck, Kreislaufschwäche und zur Steigerung der Widerstandskräfte. Die krebshemmende Wirkung bestimmter Inhaltsstoffe wird seit einiger Zeit klinisch erforscht.

Ich werde meinen Nachbarn um ein paar Zweige bitten und sie im Wohnzimmer aufhängen. Komm, Mistel. Mach, was du für deinen Baum auch machst: halt alles Störende von mir fern, alles Schädliche, Irritierende. Mach, dass das Glück mich küsst.

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