Welt : Mein Garten Eden: Wenn Blätter weinen

Ursula Friedrich

"Regen: Niederschlag aus Wolken in flüssiger Form", sagt mein Lexikon. "Seine Entstehung setzt Feuchtesättigung der Luft durch Abkühlung und Kondensationskerne für die Tropfenbildung (z. B. Staub) voraus, sowie bestimmte chemische und luftelektrische Bedingungen. Der Regen hat wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung; nächst der Temperatur ist er das wichtigste Element des Klimas." Leichter anhaltender Regen wird Landregen genannt, starker ist Platzregen, ungewöhnlich starker ein Wolkenbruch.

Regen ist nass. Die Gärtnerin steht am Fenster und schaut in ihren Garten hinaus. Landregen, gelegentlich von Platzregen unterbrochen. Seit achtundvierzig Stunden. Die Regentonne neben dem Holunderbusch läuft längst über. Die Pfingstrosen sehen verweint aus. Und die Gärtnerin? Macht die Terrassentür weit auf und atmet durch. Was für eine wunderbare Luft! Wie grün alles ist! Grün und glänzend, an jedem Zweig und Grashalm hängen Tropfen. Wenn sie herunterfallen, wispern und flüstern sie. Alles rauscht und macht zarte Töne.

In der Stadt gibt es Pfützen, Dreck und missgelaunte Menschen. In der Stadt ist der Regen trostlos, man bekommt nasse Füße und Schnupfen. Wir hier im Garten, meine Blumen und ich, freuen uns über den Segen von oben. Natürlich habe ich die richtigen Schuhe an, Gummistiefel. Und die richtige Kopfbedeckung auf, eine Plastikhaube. Meine wasserdichte Jacke ist nicht von Armani. Aber ich will ja auch gar nicht bewundert werden. Jedenfalls nicht für meinen Anorak. Gärtnerinnen sind nicht eitel, solange es nicht ihre Pflanzen betrifft.

Die sollen schön sein, die sollen gedeihen: Dazu brauchen sie den Regen. "Das Regenwasser enthält Ammoniak, Salpeter, salpetrige Säuren, Chlor, Jod, Magnesium" erklärt mir das Lexikon. So ein paar Regentage sind für den Garten eine Kur. Da ruht er sich aus, ernährt sich gesund, schöpft neue Kraft.

Nur die Schnecken ruhen sich nicht aus. Sie lassen alle Vorsicht fahren, wagen sich auch am hellen Tag aus ihren Verstecken hervor, kriechen über die nasse Wiese in Richtung meiner kleinen Astern. Da sie weithin sichtbar sind, kann man sie leicht einsammeln und - (nein, ich schreibe jetzt nicht: in die Tonne werfen.) Zur Beruhigung der Tierfreunde: ich trage sie in einem Körbchen hinaus in Wald und Flur, wo es ja auch regnet und sie ihr Auskommen finden.

Allerdings: einen Wolkenbruch mögen wir nicht. So ein richtiger Wolkenbruch kann die Geranien ganz schön niederdengeln. Meine Nachbarin zur linken Seite hat eine Art Regenzelt gebastelt, welchen sie über ihre Geranientöpfe stülpt. Auf den ersten Blick recht sinnvoll. Aber dann vergisst sie es, wenn die Sonne wieder scheint, und die armen Geranien schmachten. Wie, das kann nur jemand nachfühlen, der mal in einem Plastikzelt auf dem Campingplatz übernachtet hat. Nein, lieber doch keine solche Haube. Die Sonne strahlt ja irgendwann wieder, es regnet nicht ewig. Nie regnet es ewig, auch wenn es denen in der Stadt manchmal so vorkommt.

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