Welt : Mein Garten Eden: Wie die Mädchen

Ursula Friedrich

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die treueste Begleiterin des Menschen von Anfang an die Küchenschabe ist. Sie hat ihn durch Eis- und Trockenzeiten begleitet. Ist in Höhlen, Zelten, Hütten und Prachtvillen aufmarschiert. Überallhin, wo ein Feuer brannte und Essbares zubereitet wurde, wanderte sie mit. Gefräßig, schwarz, flink und absolut unausrottbar. Ist ja eigentlich ekelhaft, bei aller Tierliebe. Umso mehr darf man sich darüber freuen, dass es da offenbar noch eine andere weit verbreitete uralte Gefährtin gibt: eine wunderschöne, die Rose.

Woher kommt sie? Sie ist überall zwischen dem 20. und 70. Breitengrad nördlicher Breite zu Hause. Blüht in Persien, Indien, China, Bulgarien, in Afrika, auf exotischen Inseln, an germanischen Waldrändern. Kaiser Nero ließ sie bei Gelagen auf seine Gäste regnen. Kolumbus fand sie vor, als er in Amerika landete. Rosen, sagte der berühmteste deutsche Rosenzüchter unserer Zeit, Wilhelm Kordes, Rosen wachsen wie Unkraut. Überall.

Es gibt unzählig viele Arten, hoch wachsende, niedrige, kletternde, Boden deckende, edle, wilde, buschige, zarte. Duftend und stachlig alle. Und alle von erlesener Schönheit. Töchter der Venus, der Morgenröte, des Taus, Königinnen der Blumen. Sinnbilder für Romantik und Liebe, und auch für Blut und Tod.

Der Juni ist der Rosenmonat. Im Juni schmückte meine Großmutter das Kreuz des Herrn Jesus, das in ihrem Schlafzimmer hing, mit Rosen, rot wie das Blut, das er für uns vergossen hat. Für mich ist der Monat von Rosenduft und religiöser Verehrung erfüllt, von einer dunklen Erinnerung.

Natürlich blühen in meinem Garten auch Rosen. Ich muss aber gestehen, dass ich dem Herrn Kordes nicht ganz beipflichten kann. Sie entwickeln sich nicht so üppig wie Unkraut. Vielleicht gieße ich sie falsch, nämlich nicht nur morgens oder abends, vielleicht mache ich ihr Laub nass, das mögen sie nicht. Von Blattläusen befreie ich sie mit den Fingern oder indem ich Marienkäferchen bei ihnen aussetze. Schneide ich sie falsch?

Wann und wie man Rosen schneiden soll, darüber gibt es auch unter Fachleuten sehr kontroverse Debatten. Manche Gärtner schneiden im Winter die holzigen Ästchen zurück bis fast zum Boden. Andere gehen erst nach dem Austrieb behutsam vor, entfernen Erfrorenes, mehr nicht. Wieder andere schneiden überhaupt nicht, etwa der zitierte Kordes. Rosen, sagt diese Fraktion, wollen frei sein, wollen nicht wie verkümmerte Zwerge in Reih und Glied gezwungen werden. Rosen sind wie Mädchen, wie Frauen, heißt es in einem Gedicht.

Also gut. Im vergangenen Herbst habe ich die antiautoritäre gärtnerische Methode angewendet. Alles so struppig gelassen, wie es war. Bis jetzt treiben sie wunderbar, es wird wohl nach dem nassen Winter ein Rosenjahr werden. Nur an einer weißen Rose, namens Bobby James hat sich die Rosenblattrollwespe vergriffen und ihre Eier so in die Blätter gelegt, dass sie sich zusammengerollt haben wie Zigaretten. Hilfe! Wenn ich Zeit habe, werde ich im Juli ein Rosen-Seminar besuchen, zwei Tage 480 Mark mit Unterkunft. Wie Mädchen, wie Frauen sind sie, die Rosen. Empfindsam. Wollen aus ganzem Herzen geliebt werden.

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