Welt : Mein Garten Eden: Wie im Märchen

Ursula Friedrich

Mein Rhododendron steht an der falschen Stelle: im knallsonnigen Vorgarten, dem Nordwind ausgesetzt, in der Nähe einer Birke, die ihm das Wasser wegnimmt. Er stand schon da, als wir das Haus kauften. Der Vorbesitzer hatte offenbar nicht die mindeste Ahnung von den Ansprüchen eines Rhododendrons. Ich bin inzwischen wesentlich besser informiert, ich wende viel Zeit auf, dem Rhododendron über seine unglückliche Lage hinwegzuhelfen. Umsetzen will ich ihn nicht, ich setze überhaupt nicht gern um. Wahrscheinlich, weil ich selber nicht gern woanders hin gesetzt werde. Ich mag da bleiben, wo ich bin.

Der Rhododendron kam 1800 aus einer feuchten Gegend Indiens nach Europa. Manche sagen auch, dass er aus dem Himalaja-Gebiet oder aus Japan stammt. Er ist empfindlich gegen Kälte, braucht saure Erde, liebt hohe Luftfeuchtigkeit, Halbschatten und Windschutz. Das ist in meinem Garten nicht so einfach herzustellen. Ganz heimlich - wegen eines Öko-Nachbarn - kaufe ich im Herbst stets einen Sack voll echten Torf. Gen Norden habe ich eine Fichte neben ihn gesetzt, er ist ja schließlich ein Waldgewächs.

In Südengland bin ich einmal durch einen ganzen Wald von hohen Rhododendron-Büschen gegangen. Wild, mit langen verschlungenen Ästen standen sie da, blühten über und über, und ihnen zu Füßen wuchsen blaue Glockenlilien. Es war still in diesem Wald, und gleich, dachte ich, wird jetzt ein Vogel singen "Zickütt, zickütt", und eine Hexe wird mir begegnen wie in dem Märchen von Jorinde und Joringel. Und mir wird ganz weh zu Mute werden.

Ich grub auf diesem Spaziergang einen klitzekleinen Rhododendron aus, mit Wurzel, und einen Busch Blue Bells, mit Zwiebeln, und nahm sie im Handgepäck mit nach Hause. Den kleinen Rhododendron und die Zwiebelchen setzte ich an einen schattigen, feuchten Fleck in meinem Garten. Große Hoffnung hatte ich nicht, dass sie die Reise überleben würden. Aber sie überlebten. Im vergangenen Jahr hat der wilde Rhododendron zum ersten Mal geblüht, die Blue Bells daneben auch.

Nein, so hübsch kompakt wie ein gekaufter Gartenzüchtling ist mein englischer Rhododendron nicht. Seine dünnen Arme sind ziemlich lang und verschlungen, und die Blüten können auch nicht an die Größe der Blüten meines Vorgarten Sorgenkindes heran. Aber dass er mich und seinen neuen Platz akzeptiert hat, ist eines der Wunder, das die Gärtnerin entzückt.

Den vorderen Rhododendron habe ich vor ein paar Tagen mit ein bisschen Fetrilon versorgt, weil seine Blätter merkwürdig fahl, gelblich und lustlos aussehen. Dabei hat er in diesem nassen Winter zwar Kälte abbekommen, aber auch viel, viel Wasser, was er ja mag. Kopf hoch, Junge.

Ich habe gelesen, dass in Frankreich ein Baron Lionel de Rothschild in seinem Garten 350000 Rhododendrons hat, die von 200 Gärtnern versorgt werden. Es gibt ja mehr als 800 Arten, die frostempfindlichen haben bei Rothschild riesige Gewächshäuser. Das muss schön sein, wenn die alle blühen. Beneidenswert. Vielleicht aber auch nicht. Weil er 360000 Stück nicht so gut kennt wie ich meine beiden Pappenheimer.

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