Mein Garten EDEN : Wie machen’s diese Engländer?

Ursula Friedrich

Wir kennen das berühmte Rezept für einen richtigen englischen Rasen: säen, gießen, 400 Jahre mähen. Was sonst noch 400 Jahre lang geschehen muss, wird nicht erwähnt. Ein bisschen Unkraut ausmerzen, täglich. Allein der Gedanke an ein Löwenzähnchen oder Gänseblümchen ist eine Katastrophe.

Für unsereins ist der Besuch in einem englischen Garten mit englischem Rasen eine große Gefahr. Der Wunsch zum Nachmachen kann entstehen, weil er halt so schön ist, schimmernd wie Samt, makellos. Eine Freundin hat sich dazu hinreißen lassen, wieder zu Hause ihren gesamten Grasboden auszuwechseln. Kies als neue Grundlage, darauf entkeimten Spezialerde und Samen aus England. Was die da drüben können, kann uns doch nicht unmöglich sein. Tatsächlich kam reines Gras. Aber schon nach wenigen Tagen erschienen rundliche Blätter dazwischen. Als Berufstätige nahm sie mehrere Wochen Urlaub. Ihr Rasen misst 800 Quadratmeter. Wo sie abends aufhörte mit dem Zupfen, konnte sie morgens wieder anfangen. Sie verlor den Kampf. Englischer Rasen blieb ein unerfüllter Traum in Hamburg-Wellingsbüttel.

Mein bayerischer Nachbar schaffte es ein Jahr lang, dann griff er zu drastischen Mitteln: Er behandelte seinen Rasen mit Unkrautvernichtungslösung. Die Folge war, dass sich riesige gelbe Flecken ausbreiteten. So ganz grün sind die Flecken bis heute nicht. Auch er gab auf.

Die Frage blieb – wie machen’s diese Engländer? Vor ein paar Tagen wurde mir ein kleines Büchlein aus London mitgebracht. Titel: „Die Kunst des Rasens – wie man die Nachbarn grün vor Neid macht.“ Der Einband besteht vielversprechend aus mit Kunstrasen bewachsenen Buchdeckeln, und der Inhalt ist durchaus seriös. In der Einleitung steht, dass der Verlag und der Verfasser für etwaige körperliche Schäden durch falsches Umsetzen der Ratschläge nicht verantwortlich sind.

Allerdings geht es bei dieser Kunst nicht darum, wie man makellosen Rasen heranzieht, sondern darum, wie man vorhandenen makellosen Rasen mittels Rasenmäher und komplizierten Anweisungen mit Mustern versieht. Wie man zum Beispiel Karos, Schleifen, Valentinsherzen, Wellen und, weil es in England normalerweise keinen Schnee gibt, an Weihnachten Christbäume zeichnet. Dazu muss nur die Richtung beim Mähen kurvig oder eckig verändert werden. Es erfordert einige Übung, ist aber im Grunde ganz leicht. Man braucht dazu nichts als einen fein einstellbaren Rasenmäher und stabile Schuhe, möglichst mit Stahlkappen. Ich war enttäuscht von dem Buch. Ich habe woanders gelesen, dass zu Shakespeares Zeiten – vor der Erfindung des Rasens – das Grün der englischen Gärten aus niedriger Kamille bestand. Ging doch auch.Ursula Friedrich

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