Mejorada del Campo : Die göttliche Baustelle

Justo Gallego baut seit 48 Jahren an seiner gigantischen Kirche im spanischen Mejorada del Campo.

Ralph Schulze[Madrid]

Eine rote Wollmütze auf dem Kopf, ein roter Schal um den Hals, ein alter blauer Mantel über den Schultern. „Ich habe nicht viel Zeit“, brummt der Alte. Gerade mischt er Zement in einem Eimer an. „Mein Werk soll ja einmal fertig werden.“ Von Morgengrauen bis Sonnenuntergang schuftet Gallego auf seiner göttlichen Baustelle. Seit fast einem halben Jahrhundert jeden Tag – außer Sonntag.

Inzwischen ist der Tempel in den Himmel der Kleinstadt Mejorada del Campo gewachsen. Und auf gutem Weg, zu einem der berühmtesten Gotteshäuser Spaniens zu werden. „Das ist fantastisch“, freut sich der Mann, dem die Zeit tiefe Falten ins Gesicht gegraben hat. Durch ein rundes gelb-rotes Glasfenster scheint die Sonne herein, wirft ein magisches Licht auf Säulen, Bögen und Wände.

Anfangs belächelten die 22 000 Einwohner des Bauernortes den „verrückten Mönch“, der sein Gotteshaus auf einem geerbten Privatgrundstück errichtet, als „christlichen Spinner“. Heute respektieren die Menschen ihren eigenwilligen Baumeister. Der es mit seinem eisernen Willen und seinem unglaublichen Werk geschafft hat, aus ihrem verschlafenen Nest einen Wallfahrtsort zu machen.

Busse aus der nur 20 Kilometer entfernten Hauptstadt Madrid karren Touristen heran. Aus aller Welt kommen Architekten, Kunsthistoriker und Fernsehteams, um die „Kathedrale des Glaubens“ zu besuchen. Das New Yorker Museum of Modern Art widmete dem originellen Sakralbau, der die Dorfkirche schon lange überragt, sogar schon eine Fotoausstellung.

Besucher sorgen mit Spenden dafür, dass Gallego sein Lebenswerk vorantreiben kann. Baufirmen laden überschüssige Materialien ab. Auch auf der Müllkippe findet der Mann Brauchbares. Ein US-Getränkekonzern zahlte sogar 30 000 Euro, um einen Werbespot in dem kreativen Kirchentempel zu drehen, welcher der spanischen Schutzheiligen Pilar gewidmet ist.

Ein Gotteshaus, das ohne Baupläne und professionelle Hilfe wächst. Dessen kuriose Formen nur der Inspiration von Justo Gallego und seiner himmlischen Eingebung folgen. „Die wahren Fundamente seines Tempels sind sein unverrückbarer Glauben“, heißt es in einer Dokumentation über die Kathedrale. „Ich bin weder Maurer noch Architekt“, krächzt Gallego, der auch beim Erzählen seiner Geschichte nicht still sitzen kann, sondern mit seinen schwieligen Händen Steine zu jener Mauer schleppt, die er gerade hochzieht. „Aber ich habe viele Bücher über Burgen und Kathedralen gelesen.“ Das muss reichen. Und bisher ist für den Herrn der Kathedrale alles gutgegangen.

Der Sohn einer Bauernfamilie verließ mit zehn Jahre die Schule, nachdem sein Vater gestorben war und die Pflicht rief: Justo musste seiner Mutter auf dem Hof und „beim Ackerbau helfen“. Mit 27 trat er ins Kloster ein und wurde Zisterziensermönch. „Schon als Junge fühlte ich einen tiefen christlichen Glauben.“

Doch als der Ordensmann nach acht Jahren an Tuberkulose erkrankte, warfen ihn seine Brüder ziemlich unchristlich raus, „aus Angst sich anzustecken“. Das enttäuschte den Verstoßenen zutiefst. Nachdem er dem Tod wider Erwarten von der Schippe gesprungen und seine Lungenkrankheit geheilt war, beschließt er deshalb 1961, sein ganz persönliches Christenwerk anzugehen. „Ich wollte meinem Herrn einen Tempel bauen.“ 48 Jahre später ist Gallegos Bau weit fortgeschritten: Gut 50 Meter lang, 20 Meter breit, das Kirchenschiff mit 22 Meter messender blauer Kuppel bis zu 36 Meter hoch. Zwei 58 Meter hohe Türme, die noch nicht vollendet sind, sollen seinen Traum einmal krönen. Und dieses Monument der selbstlosen Hingabe kilometerweit sichtbar machen.

Zehn bis 20 Jahre, könnte es vielleicht noch dauern, bis die eigenwillige Kirche, die von keinem Bischof, sondern von Justo Gallego persönlich zur Kathedrale erhoben wurde, wirklich vollendet ist. Doch das besorgt und stört den alten Mann überhaupt nicht. „Ich bin glücklich mit dem, was ich erreicht habe“, bekennt der 84-Jährige. Und er grinst wie ein Lausbub, der sich über einen erfolgreichen Streich freut. „Ich werde weitermachen, bis ans Ende meiner Tage.“

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