Welt : Mensch Grönemeyer!

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Von Sassan Niasseri

Die Deutschlandwut und Herbert Grönemeyer – sie sind inzwischen unzertrennlich. Dabei sollte man meinen, dass der 46-Jährige gar nicht mehr alles mitbekommt, was hierzulande passiert, welche Stimmungen in der Luft liegen – zog er doch vor vier Jahren mit seinen zwei Kindern von Berlin nach London. Falsch vermutet: Grönemeyer ist gut informiert.

Auf einer Pressekonferenz in Westminster kam der in London lebende jetzt ausführlich auf alles zu sprechen, was ihn in Deutschland bewegt. Über seine neuen Songs hat der Sänger weniger erzählt.

Dabei erscheint „Mensch", Grönemeyers erstes Album seit vier Jahren, schon im September, dazu startet eine große Livetournee durch die Republik. Vielleicht, so lästern manche, täte Grönemeyer besser daran, nicht so viel politisch zu kommentieren, sondern sich auf sein Comeback zu konzentrieren.

Gilt er doch bislang nicht nur als Kritikerliebling, sondern mit zwölf Millionen verkauften Alben und über zwanzig Platinauszeichnungen als einer der erfolgreichsten deutschen Sänger überhaupt.

Und mit den immer länger werdenden Abständen zwischen den Alben wachsen Bedeutung und Erwartungsdruck gleichermaßen.

Deutschlandwut

Herbert Grönemeyer macht Pop und Politik füreinander passend. Für ihn, der sich selbst als Diva und zugleich als westfälischen Sturkopf bezeichnet, steckt mehr dahinter als eine Phrase. Die Leute, die Armen wie die Reichen, sollen hören, was er wirklich denkt.

Seine alte Heimat sei die Nation, die seit der Wiedervereinigung in der Pubertät stecke, die immer noch nicht wisse, wie Ost und West intellektuell zusammenfinden sollen, sagt er. Punkt Eins.

Dann, Punkt Zwei: Erfurt, das sei „monumental" und „grausam", er stehe dem „völlig fassungslos" gegenüber. Drittens zur Antisemitismusdebatte: Man müsse schon kritisch über Israel sprechen dürfen. Aber: der Streit, den Möllemann da losgebrochen hat, sei „zynisch, widerlich und einfach nur unverschämt".

Das ist Grönemeyer, Version 2002: Worte, die nicht wirklich aufrütteln. Aber bis zur Album-Veröffentlichung ist auch noch ein wenig Zeit.

Er hat schon immer bewegen wollen. Sein erstes Pop-Album erschien 1979 fast unbeachtet. Erst „Bochum" brachte ihm dann fünf Jahre später den Durchbruch. Zuvor hatte Grönemeyer längst in Theater und Film reüssiert, war musikalischer Leiter des Schauspielhauses Bochum und seit seiner Rolle im Kinofilm „Das Boot“ ein gefragter Schauspieler. Seinen Ruf als „Sänger des neuen Deutschland" („FAZ") festigten dann Befindlichkeits-Songs wie „Männer" und „Kinder an die Macht".

Wenn Staat und Wirtschaft mit Unheil drohten, war Grönemeyer immer längst da. Er sang gegen die Stillegung von Stahlwerken, gegen die Währungsunion, gegen den inhaltsleeren „Popstar" Gerhard Schröder, und, immer wieder, gegen Rechts. „Anti-Rassismus"-Festivals gehen auf sein Konto, und seit Jahren schon finanziert er ein Leipziger Jugendzentrum, um jugendlichem Ausländerhass entgegenzuwirken.

Wann immer Deutschland am Durchdrehen war, reagierte Grönemeyer mit einem Projekt.

Als sympathisch gilt er trotzdem nicht. Er wird geschätzt, nicht umschwärmt. „Ich versuche das so intensiv zu machen, dass Leute dabei auch Brechreiz kriegen können", erklärte der Sänger in einem frühen Interview. Sein weltmännisches, oft arrogant wirkendes Auftreten steht ihm bisweilen im Weg, sein Interesse für britische Clubmusik wirkt aufgesetzt und bemüht jugendlich.

Flucht nach London

Das Musikmagazin „Rolling Stone" nannte Grönemeyer den „deutschesten Musiker überhaupt", da er wie kein anderer Sänger gleichermaßen populistisch und gefühlsbetont agiere, quasi ein Rollenvorbild für alle Breiten, kopiert von so unterschiedlichen Musikern wie den schwäbischen Kumpeltypen „Pur“ bis zu Schmusemann Xavier Naidoo.

Ähnlich bieder wie sein Image war auch das Projekt „Pop 2000“: für die gleichnamige Fernsehdokumentation und mehrere CDs hatte Grönemeyer fünfzig Jahre deutscher Popmusik kompiliert. Grönemeyer, der Sachwalter einheimischen Kulturguts. Kategorisieren, filtern, Ranglisten aufstellen – auch typisch deutsch.

Als der Sänger 1998 mit seinen Kindern nach London zog, war das auch eine Flucht. Zuvor waren innerhalb einer Woche sein Bruder Wilhelm und seine Frau Anna gestorben. Grönemeyer zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, es wurde still um ihn.

Er verbarg nicht, wie schwer das Schicksal zugeschlagen hatte: Bei einem Konzert am Brandenburger Tor überwältigen ihn die Gefühle.

„Du darfst jetzt aber nicht aufhören zu singen", soll seine Tochter nach dem Umzug gesagt haben, erzählte Grönemeyer nun in London. Zur Pressekonferenz erschien der Sänger als ungewohnt munterer, positiver Unterhalter. Sein neues Album „Mensch" habe mit Selbsttherapie nicht viel zu tun, es offenbare keine Bewältigungsstrategien, sei vielleicht eher noch ein melancholischer Rückblick. Es enthalte auch viele lebensbejahende Rocksongs. Ein „Humorbolzen" sei er jetzt trotzdem nicht geworden. So viel zur Musik.

Bis Juli arbeite er noch an der Studioproduktion, könne es aber kaum erwarten, wieder auf der Bühne zu stehen. Und die Liveauftritte werden ein Mammut-Unternehmen. Erstmalig in ihrer Geschichte präsentiert die ARD im n ihres Bildungsauftrags eine Konzerttournee.

Das bedeutet für die „Mensch“-Tour dann auch eine generalstabsmäßige Organisation, damit auch ja nichts schiefgeht: Live-Mitschnitte, haufenweise Interviews, Reportagen – alles geht an das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen und seine sieben Popradiowellen. Kaum ein anderer darf dann mehr an Grönemeyer ran. Es muss ein kontrollierbarer Erfolg werden. So stellt er sich das vor.

Auch zur Politik wird er sich dann sicher wieder äußern. Es ist schließlich auch Bundestagswahl in diesem Herbst.

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