Welt : Menschen beim Schlafen: Eine kleine Erzählung von Wladimir Kaminer

Ich schlafe nur, um zu träumen. Neulich träumte ich zum Beispiel, dass meine Frau, meine dreijährige Tochter und ich einen Abend bei unseren Bekannten verbrachten, die auch ein Kind haben, einen dreijährigen Sohn. Wir tranken Tee in der Küche und unterhielten uns über dies und das. Meine Tochter spielte auf dem Boden mit einer Puppe, der Sohn des Gastgebers blätterte in der Zeitung. Auf einmal fing er an, die Eintragungen aus dem Handelsregister laut vorzulesen und zu kommentieren.

Verwirrt fragte ich seine Mutter, wie es möglich sei, dass ihr Sohn in seinem zarten Alter bereits die Wirtschaftsnachrichten verstehen könne, während meine Tochter noch nicht mal bis drei zählen könnte. Ja, sagte die Mutter, dafür haben wir ein spezielles Ernährungsprogramm für ihn. Und womit wird der Knabe ernährt? fragte ich misstraurisch. Mit Alete-Karotten-Püree, antwortete die Frau. Aber unsere Tochter doch auch, erwiderte ich. Gewiss, aber wir bereiten das Püree in einem ganz speziellen Kochtopf zu, der über 2000 Dollar kostet, sagte sie stolz.

Ich wachte auf und fragte meine noch lesende Frau, ob sie schon einmal etwas von Kochtöpfen für 2000 Dollar gehört habe. Sie meinte, die gäbe es schon lange und zwar im Otto-Versand. Dabei handele es sich um computergesteuerte Selbstkocher, bei denen man einfach nur auf den Knopf drücken muss, nachdem man zuvor ein Programm ausgewählt hatte, zum Beispiel Bockwurst mit Pommes und Salat - und die machen das dann auch. Richtige Zauberkocher also. Doch mit eigenen Augen hatte sie diese Dinger noch nicht gesehen. Deswegen denke ich, dass sie spinnt.

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