Welt : Menschen mit Vögeln

Michael Rutschky

Sehet die Vögel unter dem Himmel an, heißt es in dem alten Buch: Sie säen nicht, sie ernten nicht, und Euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

Dafür hat er Oma. Oma lockt die Vögel aus dem Himmel herunter, auf Wiesen und Plätze und Aussichtsplattformen, am liebsten gleich auf ihre ausgestreckte Hand. Und dann werden die Vögel tüchtig gefüttert. Sogar der notorisch stolze Schwan rutscht vor ihr auf den Knien.

Das Vögelchen, das mit seinen Krällchen Omas ausgestreckte Hand besetzt, macht einen freilich noch in einer anderen Richtung sehr nachdenklich. Vermutlich führte eine ihrer letzten Reisen - die Alten verfügen ja über sagenhaft viel Zeit sowie Kaufkraft - Oma nach Rom. Wo sie wieder einmal die Sixtinische Kapelle besuchte und ihren Michelangelo bewunderte, wie Gott Adam mittels einer Berührung seiner Hand zum Leben erweckt.

Will sagen, Oma, die Vögel füttert, die weder säen noch ernten, hält sich seit dieser letzten Rom-Reise selbst für Gott. Und alle anderen Omas auch, sofern nur ein leises Echo jener Bibelstelle (Matth. 6,26) noch aus dem Konfirmandenunterricht herüber tönt.

Bleibt die Frage, warum auch die weit jüngere Frau im Dekolleté der Taubenhorde selbstvergessen zuarbeitet? Ich glaube, sie sieht sich selbst in einem Film; von dem sie als kleines Mädchen nur die Vorschau mitbekam (Michelangelo Antonioni?) und in dem Frauen dadurch charakterisiert werden, dass sie selbstvergessen Vögel umschwirren. Und vermutlich wird das kleine Mädchen, die junge Frau dann noch als Oma von der Erinnerung an den Film heimgesucht.

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