Welt : Menschen und Seelen verarzten

JANA SIMON

ESCHEDE .Über Nacht ist hier die Welt eingebrochen.Vor wenigen Tagen war Eschede noch eine Gemeinde wie jede andere.Sie hatte einen Edeka-Markt, Fachwerkhäuschen und eine Pizzeria.Die letzte große Aufregung, an die sich die Menschen hier erinnern konnten, war der Waldbrand von 1975.Ihre Welt war klein und überschaubar.Innerhalb von wenigen Minuten wurde aus Eschede, der Gemeinde, Eschede, der Unglücksort - ein Alptraum.Der Werbeslogan über dem Bahnhofseingang - "Es bahnt sich was an in Eschede" - wurde zur unglückseligen Verheißung.Jetzt würden die meisten hier den Schriftzug am liebsten übermalen und vergessen.

Der Ort des Unfalls ist über zwei Straßen erreichbar.Die eine ist gesperrt.Die andere ist ein Feldweg, über den die schweren Übertragungswagen holpern.Es ist Mitternacht.Der erste Waggon wird gehoben.Zwei Baukräne versuchen, die in den Himmel ragenden und ineinander verkeilten Wagen zu bergen.Zwei weitere sind noch unter der Betonbrücke begraben.Für deren Insassen besteht kaum noch Hoffnung.

Drei Frauen schenken hinter der Absperrung des Bundesgrenzschutzes Kaffee aus.Sie sind aus Rebberlah, einem Nachbarort.Die eingestürzte Brücke war ihre einzige Verbindung nach Eschede.Auch ihre Telefonleitungen wurden von dem Zug gekappt.Jetzt sind sie von der Außenwelt abgeschnitten.Aber das ist ihnen egal.Eine von ihnen wird morgen nicht zur Arbeit gehen.Sie ist Putzfrau in der Werkzeugfirmenhalle, in der die Leichen aufgebahrt werden.Ihr Mann hat das Gras davor gemäht, damit die Helfer mit ihren Tragen leichter durchkommen.

Den drei Frauen ist ihre Nähe zum Unfallort peinlich, sie schämen sich fast ein bißchen dafür.Von hinten starren sie auf die riesigen Objektive der Kameramänner und Fotografen, die den Hebekran erklommen haben.Es liegt etwas Irreales auf dieser Szenerie.Blitzlichter und Filmscheinwerfer leuchten, Hubschrauber kreisen, Motorengeräusche hallen durchs Dunkel.Ein Katastrophenfilm ist Wirklichkeit geworden - und niemand kann es glauben.

Eschede steht unter Schock.Kerstin Kellner war eine der ersten am Unfallort.Am Mittwoch kurz nach elf fuhr sie an der Unfallstelle vorbei.Sie ärgerte sich noch über die vielen Autos, die im Weg parkten, ohne die Warnblinkanlage eingeschaltet zu haben.Bis ihr jemand sagte, daß hundert Meter weiter ein Zug verunglückt sei.Sie dachte noch, es wäre gar nicht so schlimm.

Als sie die Gleise entlangging, wankten ihr die Zuggäste aus den hinteren Abteilen entgegen.Einige von ihnen waren verletzt.Sie torkelten völlig desorientiert auf sie zu.Ihre Blicke verloren sich im Nirgendwo, erinnert sich Kerstin.Als ausgebildete Krankenschwester half sie bei der Erstversorgung.Sie machte Kompressen, hielt Infusionsständer und Hände.Nach und nach trafen immer mehr Ärzte ein.Glücklicherweise fand zur gleichen Zeit in Hannover ein Kongreß der Unfallchirurgen statt.Einer nach dem anderen wurde einflogen.

Was Kerstin in den ersten Stunden nach dem Unglück gesehen hat, wird sie ihr Leben lang verfolgen.Die Nacht danach hat sie nur drei Stunden geschlafen.Das Gewimmer und Geschrei der Verletzten und die ausdruckslosen Blicke des Schocks drehen eine Endlosschleife auf ihrer inneren Leinwand.

Am Nachmittag wird sie zum Friseur gehen.Sie will sich ablenken.Die kleinsten alltäglichen Dinge fallen ihr jetzt schwer, obwohl sie weiß, daß das Leben weitergehen muß.Am Ende sagt sie: "Ich habe jetzt soviel Menschen verarztet.Jetzt würde ich am liebsten meine Seele verarzten." Die Seelen der Opfer und der Helfer verarzten Leute wie Pastor Tomm und Pastor Müller.Pastor Tomm hat denselben seelisch abwesenden Blick wie Kerstin.Es ist sechs Uhr morgens, und er ist soeben von den Bergungsarbeiten in die Einsatzleitung zurückgekehrt.Er schwebt über den Platz wie ein Außerirdischer, von niemanden erreichbar.

Die gelbe Regenjacke hat Pastor Tomm übergestreift und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.Er hat in den letzten Stunden verletzte Kinder und Leichen aus einem zerquetschten Abteil geborgen.Die Bilder, die er gesehen hat, würden erst später hochkommen, meint er.Heute abend trifft er sich mit den anderen von seinem Feuerwehrzug.Erst danach setzt die Verarbeitung ein.Aber das Schlimmste kommt noch - die Bergung der zwei Waggons unter der Brücke.Dazu muß sie erst zertrümmert werden.Pastor Tomm ist den Tränen nahe.

Pastor Müller kümmert sich um die Angehörigen, die hierhergekommen sind, um ihre Verwandten zu suchen.Er nimmt die Namen der Vermißten auf und fragt, ob sie besondere Merkmale haben.Viel Trost bieten kann er nicht.In der Nacht sind die Leichen noch nicht identifiziert, und keiner weiß genau, wer in dem Zug gesessen hat.Außerdem kommen nur wenig Angehörige in die Turnhalle zu Pastor Müller.Die meisten sind in Hamburg oder München in den dortigen Krisenzentren.

Als Seelsorger war Pastor Müller auf normale Trauerarbeit vorbereitet, aber nicht auf eine emotionale Extremsituation.Er sagt, das Wichtigste sei, den Menschen erst einmal einen Stuhl anzubieten, ihnen etwas zu trinken zu geben und mit ihnen zu reden.Pastor Müller ist etwas ratlos.Hinter ihm sitzen drei Angehörige - zwei Männer und eine Frau - in graue Decken gehüllt und starren schweigend auf den Boden.

Auf andere Menschen übt das Leid eine unbezähmbare Faszination aus.Vor der Absperrung des Bundesgrenzschutzes steht Dirk mit Fotoapparat und gierigen Augen.Er kann nicht verstehen, warum er und die Medien nicht die Leichen besichtigen dürfen."In Afghanistan und so wurden die doch auch gezeigt", sagt er.Dirk hat versucht, sich überall durch die Felder zu schlagen, um live und in Farbe beim realen Horrortrip dabei zu sein.Den größten Kick gäben ihm die Medien, sagt er."Endlich sehe ich die mal in echt und nicht nur im Fernsehen." Drei Jugendliche aus Helmstedt mit kurzrasierten Haaren und Shorts stehen daneben.Sie langweilten sich.Deshalb wollten sie mal schauen, was hier so los ist.Es gibt nichts zu sehen.Enttäuscht fahren sie wieder ab.

Die Nachrichten aus der Einsatzzentrale ändern sich alle zwei Stunden.Es werden immer mehr Tote.Am frühen Morgen haben sie die ineinander verkeilten Waggons entzerrt.Ein Wagen liegt noch immer unter den Trümmern der Brücke.Hoffnung, daß noch Lebende geborgen werden, besteht kaum.Doch die Einsatzleitung gibt nicht auf und gräbt weiter.Der Wagen liegt in der prallen Sonne.Verwesungsgeruch steht in der Luft.Bis zur vollständigen Räumung wird es wohl noch Tage dauern.Die Verwüstung ist zu groß.Die Brücke ist hinüber, die Schienen sind zerfetzt.Über die Ursachen des Unfalls wird weiterhin nur spekuliert.Es scheint klar zu sein, daß kein Auto den Zug zum Entgleisen brachte.

Doch den Opfern hilft diese Gewißheit nicht mehr.Die Verletzten wurden auf alle Kliniken des Landes verteilt.Im nächstgrößeren Ort Celle wurden noch am Mittwoch zwölf Patienten mit inneren Blutungen und Frakturen eingewiesen.Zehn davon sind schwerletzt, fünf schweben zu dieser Zeit in Lebensgefahr - darunter zwei Kinder.Vor dem Krankenhaus haben sich Kamerateams postiert - in der Hoffnung, noch ein Bild von einem Verletzten zu bekommen.Einige versuchen, die Pflegedirektorin zu überreden.Doch die bleibt hart.Sie erzählt von einem zwölfjährigen Jungen, der gleich am Mittwoch ins Krankenhaus kam, um den verletzten Kindern etwas vorzulesen.

Hinter jedem Opfer steckt ein Schicksal.Für Eschede ist das zuviel.Die Bewohner können die 300 Journalisten, die ihren Ort heimsuchen wie ein Hurrikan, nicht richtig begreifen.Ihr Leben befindet sich im Ausnahmezustand.Busse übernehmen den Schienenverkehr, die Schule hat das Technische Hilfswerk okkupiert, die Bäcker backen für die Helfer.

Daß Ministerpräsident Gerhard Schröder und Kanzler Helmut Kohl am Donnerstag ebenfalls anreisen, geht an ihnen fast vollständig vorbei.Schröder erzählt etwas von "Mitgefühl", "Trauer", "dem übermenschlichen Einsatz der teilweise über tausend Hilfskräfte" und sagt unbürokratische Hilfe für die Opfer zu.Sein Wahlkampfgegner Kohl kommt einige Stunden später und stellt fest, daß es traurig ist, wenn ein Mann seine Frau verliert und umgekehrt.Sehen kann die beiden Politiker niemand.Die Kameras bilden einen dichten Kokon um sie.

Erst wenn alle wieder abgereist sind, wird Eschede begreifen, was wirklich passiert ist.Der Mann, der nur zwei Meter vom Unglücksort entfernt wohnt und in dessen Garten kurzzeitig die Toten lagerten: Was wird er machen? Wie wird er die Bilder verarbeiten? In Eschede wird es nie mehr so sein wie früher, und langsam wird das auch den Bewohnern klar.Momentan befinden sie sich in einer Art schwebender Lähmung.

Das Grauen und die Trauer, die den Ort Eschede heimgesucht haben, werden ihn so schnell nicht mehr loslassen.Niemand wird sich mehr an die sauberen Vorgärten und die Fachwerkhäuser erinnern, sondern nur an das größte Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik.Über Nacht ist hier eine Welt eingebrochen.

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