Welt : Menschen und Tiere: Wir haben sie zum Fressen gern

Annette Jensen Ute Scheub

Für den Einwohner eines Industrielandes sind am Ende seines Lebens durchschnittlich 649 Nutztiere gestorben. 600 Hühner, 22 Schweine, 20 Schafe + 7 Rinder = 1 Mensch der Wohlstandsgesellschaft, das hat ein britischer Wissenschaftler errechnet. Durch die BSE-Krise brach der Absatz von Rindfleisch jetzt zwar dramatisch ein, aber es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich im Hirn des Verbrauchers die Löcher des Vergessens wieder breitgemacht haben.

Fleisch steht für Wohlstand, ist ein traditionelles Statussymbol vor allem für Männer ("eine Extraportion für Vati"). In Deutschland hat sich der Fleischkonsum in den letzten 200 Jahren mehr als vervierfacht: Pro Kopf und Jahr stieg er von rund 20 Kilogramm um 1800 herum auf derzeit rund 90 Kilogramm. Allein für die Bevölkerung Westeuropas lassen jährlich an die 200 Millionen Tiere - Geflügel und Fische nicht mitgerechnet - ihr Leben, ein Viertel davon unbetäubt.

Ständig versucht der Mensch, die Arten in seinem Sinne zu optimieren. Anstatt Kühen, Schweinen und Hühnern Lebensbedingungen zu bieten, die ihren Bedürfnissen entsprechen, werden die Tiere den menschlichen Wünschen angepasst. Was im Stall steht, ist Ware - mehr nicht. Ziel ist es, so schnell wie möglich so viel Fleisch wie möglich zu produzieren. Dafür werden die Tiere in winzige Boxen gepfercht; wer sich wenig bewegt, nimmt schneller zu.

Sauen, von Natur aus treusorgende Mütter und gesellige Wesen, haben auf dem nackten Betonboden ihres Einzelverschlags keinerlei Möglichkeiten, ein Lager für ihre Ferkel zu bauen. Ein Gurt fixiert sie am Boden; so können sie sich weder umdrehen noch zum Ruhen die gestreckte Seitenlage einnehmen. Die Sonne sieht ein normales Schwein in der Regel nie - höchstens auf dem Weg zum Schlachthof.

Züchtungen - und künftig Genmanipulationen - richten sich ebenfalls nach dem kurzfristig zu erzielenden Nutzen. Beispiel Puten: Die Kunden bevorzugen Brustfleisch - also werden Tiere "produziert", die bei natürlicher Evolution keinerlei Überlebenschancen hätten. In ihrer letzten Lebensphase kippen sie vornüber; die viel zu schwachen Knochen können die Fleischmassen nicht tragen. In Gänse wird maschinell täglich 1,2 Kilo Maisbrei hineingepumpt, damit ihre normalerweise 100 Gramm schwere Leber auf bis zu zwei Kilo anschwillt und als "paté de fois gras" wenig später serviert werden kann. Dass die Tiere bei dieser Prozedur große Qualen erleiden, ihnen gelegentlich sogar der Magen platzt, sind unappetitliche Details, die an der Festtafel keinen Platz haben.

Die Fleischindustrie weiß: Kein Verbraucher will daran erinnert werden, dass sein Kaufverhalten auf blutigen Voraussetzungen basiert. Keine Reklame für Schlachthöfe, nirgends. Der Tod der Tiere ist tabu, weil wir keine gefühllosen Wesen sein wollen und uns der Umgang mit unseren Mitgeschöpfen ansonsten unendlich beschämen würde. Wie Norbert Elias in seinem "Prozess der Zivilisation" schildert, haben sich Koch- und Tischsitten in dieser Hinsicht verändert. Früher wurden ganze Tiere serviert, mit Kopf und Schwanz und Füßen, heute erregt so etwas Ekel. Der Mensch will nicht an seine Aggressivität erinnert werden.

Jahr für Jahr werden Millionen Versuchstiere der Wissenschaft geopfert. In seinem 1984 veröffentlichten Aufsatz "Tierversuche im Kreuzfeuer" hat Dietrich von Holst einen bundesdeutschen "Pro-Kopf-Verbrauch" von fünf Mäusen, zwei Ratten, einem Huhn, einem Drittel Meerschweinchen sowie einem Fünfzigstel eines Hundes oder einer Katze errechnet. Wo Menschen allerdings unmittelbar mit dem Leid von Tieren konfrontiert sind, reagieren viele. Vor allem Studenten ist es zu verdanken, dass Tierversuche an den Universitäten stark eingeschränkt wurden. Musste früher jeder angehende Biologe oder Mediziner den Reflex bei Fröschen am zunächst lebenden und danach toten Objekt untersuchen, so werden heute Computersimulationen dafür eingesetzt. Auch dank neuer biologischer Testmethoden sank die Zahl der Versuchstiere in den letzten Jahren. Doch Bio- und Gentechnologie haben einen ungeheuren Bedarf an "Objekten", und so erreicht die Zahl der Versuchstiere nun wieder neue Rekordhöhen. Allein in der Bundesrepublik wurden 1999 rund 1,59 Millionen Tiere "verbraucht".

Trotz alledem halten sich die Menschen hierzulande für besonders tierlieb. In einer Untersuchung aus den siebziger Jahren nahmen 82 Prozent der befragten Bundesbürger diese Haltung für sich in Anspruch. Bei Umfragen über besonders verabscheuungswürdige Verhaltensweisen rangiert Tierquälerei regelmäßig auf den vorderen Rängen. "Die Mehrzahl der Befragten hielt die Tierquälerei für ein besonders schlimmes Verbrechen, strafwürdiger als Kindesmißhandlung und Prügel für die Ehefrau", schreibt der Soziologe Heinz Meyer in dem Band "Mensch und Tier in der Geschichte Europas".

In unserem technischen Zeitalter sind die Tiere immer mehr von der Bildfläche verschwunden, sie stören die Funktionalität der Straßen. Der allen natürlichen Umgangs mit Tieren beraubte Stadtmensch sehnt sich um so mehr nach anderen lebendigen Kreaturen, und umso steiler steigt die Zahl der Haustiere an. In jedem dritten Haushalt lebt mittlerweile mindestens ein Tier. Ein lukrativer Markt: Für Kauf, Futter und Unterhalt von gut 22 Millionen Katzen, Ziervögel, Hunde und Meerschweinchen sowie knapp 86 Millionen Zierfische gaben die Deutschen im letzten Jahr rund 5,5 Milliarden Mark aus.

Doch auch die Tierliebe ist ein Ausdruck des Machtanspruchs des Menschen. Der Papagei, der in einem engen Käfig von einem Bein aufs andere tritt und abgeschnitten von seinen Artgenossen menschliche Laute nachahmt, erfreut seinen Besitzer. Dass der Papagei sich dort wohler fühlen würde, wo er herkommt, verdrängt Herrchen. Und auch Hunde, die der Deutsche Tierschutzbund als "treue Begleiter, wahre Freunde, Lebenshilfe, Lebenspartner, Lebensretter" beschreibt, übernehmen diese Funktion ja nicht aus freien Stücken, sondern weil sie heute ohne ihre tägliche Chappi-Zuteilung nicht überlebensfähig wären.

Viele Tiere verkraften denn auch das zu innige Verhältnis mit den Menschen nicht, hat die niederländische Tierpsychologin Nienke Endenburg beobachtet. Immer mehr Hunde seien depressiv, könnten nicht mehr allein sein und zerstörten aus Frustration die Wohnung ihres Herrchens oder Frauchens.

Angesichts dieser Verhältnisse ergreift Besucher aus der Dritten Welt so manches Mal Entsetzen. "Ich wünschte, es ginge den Menschen in meiner Heimat so wie den Hunden hier", kommentierte der nicaraguanischer Künstler Rafael Flores mit Blick auf die Tierfutter-Regale im Supermärkten. "Die würden bestimmt gerne das Hundefutter essen." Der Ethnologe Flavien Ndonko aus Kamerun hält die Deutschen für verrückte Sonderlinge: "Hier dreht sich alles um Hunde, nicht um die Menschen." Seine Landsleute "dachten, ich spinne, als ich ihnen Fotos von Hundegräbern schickte."

In den USA lässt sich die Tendenz zur Verhätschelung noch deutlicher ablesen. In 60 Prozent aller Haushalte leben Heimtiere. Es gibt Hunde-Restaurants, Anti-Stress-CDs für Hamster, Kochbücher für alle Arten von Hundekuchen, festlich glitzerndes Weihnachtsstreu fürs Terrarium. Auch im Weißen Haus herrscht eine Hundedynastie. Nachdem Bill Clintons Labrador Buddy den Regierungspalast verlassen musste, wird nun Bushs Spaniel Spot die Amtsgeschäfte als First Dog übernehmen.

Die Deutschen sind kaum weniger tiernärrisch. Im Reha-Zentrum von Bad Wildungen können Vierbeiner Reflexzonenmassagen genießen, in Leipzig haben luxuriöse Hundehotels mit Swimming-Pool und klimatisierten Einzelzimmern aufgemacht. Und auf Initiative einer Frankfurter Tierärztin wurden im Herbst vorletzten Jahres vier flugunfähige Mauersegler mit der Lufthansa nach Südafrika transportiert.

Der extremen Vermenschlichung der Lieblinge steht die Entindividualisierung im Massenstall gegenüber. Obwohl Kühe sehr unterschiedliche Charaktere haben, werden sie wie Werkstücke am Fließband behandelt. Jahrelang wurden die Vegetarier gezwungen, das Fleisch ihrer Artgenossen zu fressen. Dass solcherlei Zwangs-Kannibalismus auch dazu geführt hat, dass der bis zu seinem Ende aufopferungsvoll gepflegte und schließlich eingeschläferte Hund via Abdeckerei und Rindertrog in die Küche seines Besitzers zurückkehrt, ahnt dieser wohl kaum. Nicht nur die Vorstellung des durch den Fleischwolf gedrehten und schon einmal verdauten Kadavers seines Fiffi würde ihm ansonsten den Appetit verdorben haben. In unserem Kulturkreis sind Hunde als Nahrungsmittel tabu. Sie zu verzehren, wie in China üblich, ruft Ekel hervor, wenn es nicht sogar in die Nähe des Ruchs von Kannibalismus kommt.

Das Verhältnis der Menschen zu den jeweiligen Tieren ist unterschiedlich von Kultur zu Kultur. Ambivalent ist es schon immer gewesen. Mensch und Tier können sich aneinander erfreuen - oder sich gegenseitig umbringen. Für die durch die Steppe Afrikas umherstreifenden Hominiden gab es nur diese eine Alternative: töten oder getötet werden. Die US-Feuilletonistin Barbara Ehrenreich sieht in solchen Jagdszenen das Urtrauma der Menschheit, das heute noch in Kriegsritualen oder in modernen Mythen wie "King Kong" nachwirke. Die Angst vor der Zerfleischung durch wilde Bestien habe sich erst bändigen lassen, als die Urmenschen den Spieß sprichwörtlich umdrehten und ihrerseits Tieropfer darbrachten. Womöglich war das der Anfang jeder Religion. Jedenfalls lassen sich Tieropfer in fast allen Religionen der Welt nachweisen.

Gleichzeitig sind Menschen gesellige Wesen, und Tiere, vor allem Hunde, sind ihre ältesten Gefährten. Forscher gehen davon aus, dass Wolf alias Hund und Mensch schon vor 14 000 Jahren zusammenfanden, wenn nicht gar vor mehr als 100 000 Jahren. Der US-Tierarzt Gregory Acland glaubt, dass damals nicht der Mensch auf den Hund kam, sondern umgekehrt. Der Früh-Hund habe sich selbst domestiziert, der Früh-Mensch sei dazu intellektuell noch nicht in der Lage gewesen. Das Tier habe die Beute des Großwildjägers zu bewachen gelernt und dafür im Gegenzug seinen Happen abbekommen.

Die Bibel aber machte Schluss mit der emotionalen Nähe. "Herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht", heißt es in der "Genesis". In der Welt der Kirchenväter war kein Platz für Erbarmen mit leidenden Tieren, zumal auch das römische Recht sie bloß als Sache und Eigentum der Menschen definierte. "Aus ihren Schreien können wir ersehen, dass Tiere qualvoll sterben", schrieb der Heilige Augustinus, aber das tangiert den Menschen nicht, denn "das Tier entbehrt einer vernünftigen Seele und ist deshalb nicht mit uns durch eine gemeinsame Natur verbunden." Luther sah es nicht anders: Gott habe es so angeordnet, "dass immer eine Kreatur der anderen dienen soll".

Zwar sind auch andere Religionen anthropozentrisch; selbst im Buddhismus gilt der Mensch als höher entwickelt als das Tier. "Doch buddhistische Mönche nehmen ihre Selbstverpflichtung, keine Tiere zu töten, sehr ernst," berichtet die Historikerin Ursula Fuhrich-Grubert, die an der Freien Universität in Berlin das komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Tier untersucht. Auch wenn christliche Überzeugung an Bedeutung verloren hat - in unserem Kulturkreis geht der Mensch noch immer davon aus, dass er sich grundsätzlich vom Tier unterscheidet. Die Aufklärer erklärten die menschliche Vernunft quasi zum neuen Heiligtum. Für Descartes funktionierten Tiere mechanisch, und Kant erklärte die "vernunftlosen Tiere" zu "Sachen", mit denen man "nach Belieben schalten und walten kann".

Die grundsätzliche Differenz zwischen den Wesen ließ sich mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften allerdings immer schwerer belegen. Darwin etwa schrieb schon 1871: "Wir haben gesehen, dass die Empfindungen und Fähigkeiten, wie Liebe, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Neugier, Verstand u.a., deren sich der Mensch rühmt, in einem beginnenden und zuweilen sogar einem gut entwickelten Zustand bei den Tieren gefunden werden." Aus der Perspektive der Evolution ist der Mensch nicht mehr Krone der Schöpfung, sondern Durchgangsstadium. Vielleicht hat gerade diese schockierende Erkenntnis dazu geführt, dass er seine Unterschiedlichkeit zum Tier umso nachdrücklicher manifestieren will. Jedenfalls hat ein biblischer Grundsatz in säkularisierter Form eine ungeheure Durchschlagkraft gewonnen: Der Mensch macht sich die Erde untertan.

Doch die BSE-Krise konfrontiert den Menschen wie keine andere Tierseuche der vergangenen Jahre mit der Tatsache, dass es zumindestens auf biologischer Ebene keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt. Der Krankheitserreger überspringt offenbar nicht nur die Artgrenze von Schaf, Rind und Katze, sondern auch zum Menschen hin. Optimistisch betrachtet, könnte darin freilich auch eine Chance für eine Neudefinition des Verhältnisses von Mensch und Tier liegen. Immerhin will die Bundesregierung jetzt dafür sorgen, dass artgerechte Nutztierhaltung aus der Drei-Prozent-Niesche herauskommt.

Doch ein Problembewusstsein für das Herrschaftsverhältnis Mensch-Tier gibt es auf politischer Ebene nicht. Ex-Landwirtschaftsminister KarlHeinz Funke hat erklärt, dass das deutsche Tierschutzrecht "umfassend" sei und weltweit Maßstäbe setze. "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen," lautet der Leitsatz des Gesetzes. Ohne vernünftigen Grund - der Gummibegriff der Aufklärung erlaubt den Menschen fast alles. Obwohl wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Ergebnis kommen, dass fast jede dritte Brieftaube bei Wettfernflügen ihr Leben lässt, ist diese "Sportart" keineswegs verboten. Offensichtlich ist es in unserer Kultur auch "vernünftig", Pferde über hohe Hindernisse zu treiben - während ein in Berlin veranstalteter Wettlauf von Elefanten wochenlang Protest wegen "Tierquälerei" hervorrief.

Je ferner von uns Tiere leben, je größer sie sind, desto schützenswerter erscheinen sie. Kaum ein Tier erfreut sich höherer Sympathiewerte als Wal und Elefant. Doch während die Wildtiere in den afrikanischen Savannen als von bösen Eingeborenen bedroht erscheinen, gelten die wenigen noch nicht ausgerotteten Wildtierarten bei uns als dringend regulierungsbedürftig. Vor allem Rehe sind demnach überzählig und werden als Bedrohung für den angeblich in unseren Breitengraden natürlichen Wald angesehen. Jäger gelten als Naturschützer, und der deutsche Anglerverband spricht Fischen die Schmerzempfindung ab.

Eines ist klar: Die menschliche Perspektive auf Tiere kann nicht anders als menschlich sein. Doch wie könnten wir angemessener mit ihnen umgehen? Vor allem wohl, indem wir sie in Ruhe lassen. Eine respektvolle Haltung gegenüber Tieren bedeutet nicht nur, sie, die in Abhängigkeit von uns leben, vor Leiden zu schützen. Wir müssten vor allem akzeptieren, dass Tiere nicht nur in in Bezug auf den Menschen und unsere Bedürfnisse existieren. Das aber beinhaltet die Aufforderung, unsere Lebensweise grundsätzlich zu ändern. Wer nicht wirklich muss - etwa, weil er einen Blindenhund braucht -, der sollte sich in seiner Stadtwohnung keine Haustiere halten. Der überfütterte Dackel oder die Katze im vierten Stock leben kaum besser als Versuchstiere im Käfig. Man kann ein Tier auch zu Tode lieben.

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