Menschenmassen : Oberstes Gebot: Ruhe bewahren

Wie man in einer gefährlichen Massenbewegung überleben kann – Experten haben einige wenige Ratschläge.

Christian Martens
In der Todeszone von Duisburg.
In der Todeszone von Duisburg.Foto: dpa

Es fängt damit an, dass immer mehr Menschen sich in eine Richtung bewegen. Völlig arglos, sie haben ein Ziel und da wollen sie hin. Dass es langsam enger wird, irritiert sie nicht, es ist jedem bekannt, dass man irgendwann stehenbleiben muss, weil vorne ein enger Eingang ist, oder es aus anderen Gründen stockt. Was sich der Einzelne nicht klarmacht, ist, dass er mit jedem immer kleineren Schritt, mit dem er sich seinem Vordermann nähert, einen physikalischen Prozess in Gang setzt. Die Zwischenräume werden immer kleiner, irgendwann entsteht ein kleiner Druck auf den Vordermann. Dieser kleine Druck wird von jedem weitergegeben, die Masse wird zu einem Körper. Jeder Einzelne erhöht immer nur ein kleines bisschen den Druck, addiert sind das irgendwann Tonnen. Die ersten verspüren innere Panik. Sie sehen keinen Ausweg mehr, verlieren die Kontrolle, hyperventilieren, schreien, stecken andere mit ihrer Panik an.

Wie kann ein Mensch in einer solchen Situation überleben?

Die Experten haben nicht viel anzubieten, aber zu ihren Ratschlägen gibt es keine Alternative. „Das Wichtigste ist Ruhe bewahren“, rät Verhaltensbiologe Professor Jens Krause von der Humboldt-Universität. „In einer solchen Situation ist man als Betroffener stark verunsichert, es kann zu extremen Verhaltensweisen wie Panikreaktionen kommen. Dies passiert jedoch nicht böswillig, man kann die Menschen deswegen nicht verurteilen.“ Ruhe bewahren – man kann nur darauf hinweisen. „Man sollte nicht versuchen zu flüchten, sich nicht gegen diese Druckwellen von nachdrängenden Menschenmassen stemmen, eher den Fluß der Menge entfalten lassen und somit seine Kräfte sparen und einteilen“, sagt Krause. Abhängig von der Dichte der Menge solle man sich keinesfalls bücken. „Nur eine Entlastung der Menschenmenge kann die Situation entspannen.“

Leander Strate, Fachbereichsleiter Rettungsdienst und Notfallvorsorge der Johanniter-Unfall-Hilfe, sagt, dass man sich unbedingt an die Weisungen der Feuerwehr und des Ordnungspersonals halten soll, wenn dieses die Lage noch beeinflussen kann. „Es gibt meist klare Verfahrensabläufe für sich verschärfende Situationen“, sagt Strate. Alles ist jedoch sehr vom Einzelfall abhängig. „Falls möglich, sollte man sich langsam seitwärts an den Rand der Menschenmenge vorarbeiten.“ Allerdings sei dies nicht immer der richtige Weg. „Oft haben Menschen die Orientierung verloren. Bewegen sie sich seitwärts, könnten sie an eine Wand oder an eine Einzäunung gedrängt werden.“ Ein Ausweichen wäre hier nicht mehr möglich. Zudem ist es oft nur in der Anfangsphase noch möglich, seitlich rauszudriften. Den Moment erkennen, an dem man rechtzeitig wegsollte, das kann entscheidend sein. Wer diese Sensibilität besitzt, kann möglicherweise viele Menschen retten. Wer sich mit innerer Selbstsicherheit langsam einem „Notausgang“ nähert, sensibilisiert auch andere, zieht sie unwillkürlich mit, weg von der Gefahr.

Und was, wenn es zu spät ist? Wenn nichts mehr geht? Christof Unger, Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: „Wichtig ist, den Kopf oben zu behalten. Nicht zu Fall kommen.“ Den Druck aushalten. Die Ruhe bewahren.

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