Welt : Menschliches Versagen

ERFURT .Die Unfall- und Pannenserie der Bahn reißt nicht ab: Bei einem neuen Zugunglück nahe des Erfurter Hauptbahnhofs sind am Dienstag 13 Menschen verletzt worden.Zwei vollbesetzte Regionalzüge mit etwa 350 Reisenden stießen bei der Einfahrt in den Bahnhof seitlich zusammen.Nach Angaben der Deutschen Bahn AG ist menschliches Versagen die vermutliche Ursache.Das Unglück löste bei vielen Fahrgästen Verunsicherung aus.Das berichteten Bahnmitarbeiter, die mit Fragen der Kunden konfrontiert wurden.

Nach dem neuen Unfall haben Bahn-Chef Johannes Ludewig und Bundesverkehrsminister Franz Müntefering am Dienstag eine Überprüfung des Sicherheitskonzepts der Bahn angekündigt.Bei der Bahn sei eine spezielle Arbeitsgruppe eingerichtet worden, sagte Ludewig bei einem Besuch der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin.

Beide wiesen aber erneut darauf hin, die Bahn sei das sicherste Verkehrsmittel.Nach Ludewigs Worten ist die Zahl der Bahn-Unfälle seit 1993 um 40 Prozent zurückgegangen.Mit dem Personalabbau bei der Bahn in den vergangenen Jahren habe die Unfall-Serie nichts zu tun.Die Arbeitsplätze seien nicht im sicherheitsrelevanten Bereich gestrichen worden.

Erstmals seit Beginn der Pannenserie werden an diesem Mittwoch der Vorstand der Deutsche Bahn AG, die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) und der Gesamtbetriebsrat der Bahn gemeinsam bei einem Spitzentreffen über Konsequenzen aus den Sicherheitsproblemen des Schienenriesen beraten.Zudem will die Bahn mit einem Expertenstab möglichen Sicherheitsmängeln auf die Spur kommen.Wie das Unternehmen am Dienstag in Frankfurt mitteilte, sollen dem Team Fachleute der Bereiche Nahverkehr, Güterverkehr, Fernverkehr sowie des Fahrwegs angehören.Für die Bahn habe die Sicherheit höchste Priorität.

Bei der Bahn herrscht nach Auffassung der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) wegen des Personalabbaus und der Pannenserie eine "völlig demotivierte Stimmung".Die Bahn habe die Ziele der Privatisierung nicht erreicht und sei dabei, "mit dem Laden an die Wand zu fahren", sagte der GDL-Vorsitzende Manfred Schell am Dienstag in Limburg.Die Privatisierung habe weder den Steuerzahler entlastet noch mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene gebracht.

Bei dem Erfurter Unglück überfuhr ein Lokführer bei der Einfahrt in den Bahnhof ein Haltesignal.Eine Frau mußte mit einer Beinverletzung ins Krankenhaus gebracht werden.Zwölf Fahrgäste, die leichte Verletzungen erlitten, wurden von Notärzten an der Unfallstelle behandelt.Die Höhe des Sachschadens sei unklar, liege aber unter einer Million Mark, hieß es.

Bei dem Unfall war eine Regionalbahn aus Nordhausen seitlich in einen Regionalexpreß aus Gera gefahren.Durch den Zusammenprall wenige hundert Meter vor der Endstation sprangen die Lok und alle drei Wagen der Regionalbahn aus den Gleisen.Beim Regionalexpreß entgleiste ein Wagen.In den Zügen hätten sich überwiegend Berufspendler befunden.Staatsanwaltschaft, Bundesgrenzschutz und das Eisenbahn-Bundesamt nahmen Ermittlungen auf.Technische Mängel seien bei einer ersten Prüfung nicht entdeckt worden, sagte ein Sprecher des Bundesamtes in Bonn.

Seit Jahresbeginn sind bundesweit mindestens 13 Züge entgleist.Betroffen waren vor allem Güterzüge.Das bislang schwerste Unglück des Jahres ereignete sich Mitte Februar: im Bahnhofsbereich von Immenstadt im Allgäu sprangen drei Wagen eines langsam fahrenden Intercity aus den Gleisen, in die die Lok eines entgegenkommenden InterRegio prallte.Zwei Frauen starben, 34 weitere Reisende wurden verletzt.

CHRONOLOGIE

Acht Fälle in neun Tagen

Das Bahnunglück in Erfurt war das achte in neun Tagen.Die Unfälle davor

1.März: Ein Güterwagen entgleist bei Göttingen und geht in Flammen auf, die automatische Bremsung bringt den Zug in einem Tunnel zum Stehen.Bei Darmstadt springt am selben Tag ein mit Schlacke beladener Zug aus den Gleisen.

2.März: In Hannover stößt eine Rangierlok frontal mit einem Güterzug zusammen.Die Zugführer werden leicht verletzt.

6.März: Im Kieler Hauptbahnhof entgleist bei einer Rangierfahrt ein Wagen eines Regionalzugs.

7.März: Im Bahnhof der fränkischen Stadt Lauf bei Nürnberg entgleisen vier Waggons eines Güterzuges.

8.März: Am Vormittag muß der Kölner Hauptbahnhof wegen eines Kabelbrandes für rund 90 Minuten völlig gesperrt werden.Im Hauptbahnhof von Hannover bricht am selben Tag aufgrund von Schweißarbeiten ein Feuer aus.

"Die Lage ist wie verhext"

Zahl der Unfälle geht zurück, aber nach Eschede werden auch kleinere Fälle stark wahrgenommen

VON KLAUS KURPJUWEIT

Auch nach der Unfallserie der letzten Tage betont der Bahnvorstand, die Eisenbahn sei nach wie vor ein sicheres Verkehrsmittel.Die Unfallzahlen seien insgesamt seit 1993 um 40 Prozent zurückgegangen.Ob die Fahrgäste weiter Vertrauen in die Sicherheit auf der Schiene haben, wird sich jedoch erst noch zeigen müssen.Für den Präsidenten des Deutschen Bahnkunden-Verbandes, Gerhard Curth, steht zumindest fest: "Jeder Unfall bei der Bahn wirkt sich negativ auf die Fahrgastzahlen aus".

Curth befürchtet, daß bei der Bahn die Sicherheit unter dem Sparzwang des Unternehmens leiden kann, was für Bahnsprecher Reiner Latsch jedoch unvorstellbar ist.Wenn Personal eingespart werde, sei dies stets mit einem Konzept verbunden, sagte er.An der Sicherheit werde dabei nicht gespart.

Da viele Unfälle, wie wahrscheinlich auch jetzt wieder in Erfurt, auf menschliches Versagen zurückgeführt werden, verlangt Curth, die Einsatzzeiten der Mitarbeiter zu konrollieren."Der Streß bei der Bahn hat zweifelsfrei zugenommen", ist der Präsident des Deutschen Bahnkunden-Verbandes überzeugt.Hinzu komme die Unsicherheit der beruflichen Zukunft.Nach den Vorstandsplänen sollen weitere Stellen bei der Bahn gestrichen werden."Wenn immer weniger Menschen immer mehr arbeiten müsssen, passieren auch mehr Fehler", sagt Curth.

Für einen Rationalisierungsstopp setzt sich auch die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) ein.Nach Ansicht ihrers Sprechers Hubert Kummer werde nach einem Unfall der Vorwurf, es handele sich um "menschliches Versagen", zu schnell erhoben.Vor Gericht ließe sich dies oft nicht aufrechterhalten.Grundsätzlich sei die Bahn weiter sicher, unterstützt der Gewerkschaftssprecher den Bahnvorstand.Er räumte aber ein, daß die Zuverlässigkeit der Bahn gelitten habe.

Für den verkehrspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Grüne, Albert Schmidt, ist die Situation bei der Bahn derzeit "wie verhext".Die Statistik zeige eindeutig, daß die Unfallzahlen zurückgegangen seien.Nach der Katastrophe von Eschede, bei der nach der Entgleisung eines ICE insgesamt 101 Menschen starben, werde jeder Unfall bei der Bahn allerdings aufmerksamer registriert als vorher."Umgestürzte Güterwagen wären vor Eschede keine überregionale Meldung wert gewesen", sagte Schmidt, der auch im Aufsichtsrat der Bahn sitzt.

Nach seiner Ansicht gibt es bei der Bahn speziell beim Fahrweg aber auch einen Modernisierungsrückstand.Erforderlich sei es, im vorhandenen Netz die Leit- und Sicherungstechnik auf den neuesten Stand zu bringen, forderte er.Dies sei wichtiger, als neue Strecken zu bauen.

Die Bahn zieht aus Unfällen auch Konsequenzen.Nachdem Anfang der 90er Jahre in Rüsselsheim zwei S-Bahnen zusammengestoßen waren, weil ein Triebwagenführer ein Halt-Signal ignoriert hatte, ließ die Bahn die Sicherungsanlagen, "Indusi" genannt, nach Angaben von Reiner Latsch fast im gesamten Netz umbauen.Züge werden über Magnete jetzt schon viel früher gebremst, wenn der Zugführer am Halt zeigenden Signal nicht stoppt."Fast jede Technik kann vom Menschen aber auch umgangen werden", gibt Latsch zu.Absolute Sicherheit könne in der Tat niemand garantieren.

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